Noten vom Laptop
Neue Töne in der Schule: Musiklehrer arbeiten mit ihren Schülern
am PC. Aber die Maschine kann die traditionellen Inhalte nicht ersetzen.
Autor: HILDE MALCOMESS
Quelle: http://www.kms-ploen.de/news/000414.htm
Die Maus klickt, die Mattscheibe flimmert, die Blicke der Schüler
hängen gespannt am TV-Bildschirm. Notenlinien, schwarze Notenköpfe
und schier zahllose Hilfslinien stellen den Ton C dar, vom Kontra-
bis zum viergestrichenen C. Amüsiert hören die Fünftklässler,
wie der Klang durch die Oktaven wandert: siebenmal C, vom abgründigen
Brummen bis zu hellem Klirren. Die Maus klickt erneut, und urplötzlich
haben alle Noten ihre Position verändert, doch der Klang
ist geblieben. Fragend schauen die Kinder den Lehrer an. Der hat
den Violin- durch den Bassschlüssel ersetzt. Auch jeder andere
Schlüssel kann sofort vorgezeichnet werden. Ein schlichter
Trick aus der Zauberkiste des PC, über den man lächeln
mag.
Doch wie kompliziert sähe ein Arbeitsblatt aus, wie lange
schriebe der Lehrer an die Tafel, wie häufig müsste
Martin Schlu, Fachbereichsleiter Musik an der Gesamtschule Bonn-Bad
Godesberg, zum Klavier eilen, um so rasch und eindrucksvoll zugleich
die Oktave und die Notenschlüssel zu erklären. Und schließlich:
Vor einem Monitor ist die Aufmerksamkeit der Schüler viel
größer als vor der Tafel. Der Laptop von Martin Schlu
hat Bilder und Texte zu allen Epochen und Themen der Musik gespeichert.
Nach Bedarf lässt der Pädagoge den Inhalt dieser "digitalen
Aktentasche" auf einem großen TV-Bildschirm erscheinen
und aus den Lautsprechern tönen.
Ein Bild von Dur und Moll
Jedem herkömmlichen Musikunterricht ist der Computer dort
überlegen, wo er Sehen und Hören in eins bringt. Dass
eine kleine Melodie in verschiedenen Schlüsseln zwar anders
aussieht, aber gleich klingt, ist eine Erfahrung, die die Schüler
nur am PC so unmittelbar machen können. An gut ausgestatteten
Schulen, wo die Kinder an eigenen Rechnern sitzen, erlaubt Lernsoftware,
etwa zu Gehörbildung, Notenlesen oder Harmonielehre, ein
den individuellen Fähigkeiten jedes Schülers angemessenes
Arbeitstempo. Jeder kann eine Melodie höher oder tiefer setzen,
sie nach Moll oder Dur wenden, neu harmonisieren oder rhythmisieren;
er kann eine einzelne Stimme aus einem Orchestersatz zum Erklingen
bringen, das Spiel dieser Stimme verlangsamen oder beschleunigen,
eine Phrase alternativ von Geige, Flöte, Oboe oder Trompete
intonieren lassen, und er kann das Klangergebnis jedes Mal sofort
hörend überprüfen.
Mit diesem Angebot ist der Computer unnachahmlich schnell und
didaktisch wertvoll, bekennt jeder Pädagoge, der es wagt,
Teile seines Unterrichts dem elektronischen Medium anzuvertrauen.
Allerdings, so die eindringliche Warnung von Guntram Erbe, PC-erfahrener
Musiklehrer am Gymnasium im bayerischen Hilpoltstein, an seine
Kollegen: "Der Unterricht am PC verlangt vom Lehrer eine
vollständige Beherrschung der Techniken und eine äußerst
sorgfältige Vorbereitung. Je genauer ich weiß, was
ich will und was die Schüler wollen, umso eher entsteht ein
Resultat, auf das alle stolz sind. Dem planlosen Herumklicken
der Klasse darf man sich nie aussetzen."
So frappierend die Möglichkeiten scheinen, so groß
ist die Unkenntnis der meisten Fachlehrer. Nur ein Fünftel
von ihnen nutzt den Computer im Unterricht, schätzt Gerd
Walter, Fachkoordinator für Musik bei der bundesweiten Initiative
"Schulen ans Netz". Aber der Anteil wächst. Fortbildungen,
die seit einigen Jahren auf Bezirks- und Landesebene angeboten
werden, sind ständig ausgebucht.
Mehrspurig am Rechner
Die Lehrplanentwürfe und Rahmenrichtlinien aller Bundesländer
sehen den Einsatz von Computern im Musikunterricht vor. "Reproduktionstechniken
von der Klangerzeugung über die Mehrspuraufnahme bis zur
Abmischung sind mit dem Computer möglich. So kann sich die
passive Rezeption ,fertiger' Musik durch Medien zu einem aktiven,
das heißt produktiven Umgang mit Musik entwickeln",
heißt es in den Richtlinien für Gesamtschulen in Nordrhein-Westfalen.
Und das Niedersächsische Kultusministerium wusste schon 1994:
"Elektronische Klangerzeuger eröffnen neuartige musikpraktische
Möglichkeiten und ästhetische Erfahrungen... Elektronische
Musikinstrumente und Computer sind als Erweiterung der traditionellen
instrumentalen Möglichkeiten des Musikunterrichts zu verstehen...
Ihre Einbeziehung ist notwendig, um im Musikunterricht die gesellschaftlich-kulturelle
Entwicklung außerhalb der Schule wenigstens teilweise zu
berücksichtigen."
Die Ausbildungsstätten freilich hinken hinterher. "Das
Studium der jungen Kollegen geht an der Wirklichkeit vorbei",
beklagt Winfried Benner, Referent am Institut für Lehrerfortbildung
in Mainz. "PC im Musikunterricht ist kein Thema an den Hochschulen.
Stattdessen wird Partiturspiel gelehrt, eine Fähigkeit, die
seit der Ausstattung der Musikräume mit Plattenspielern nutzlos
ist. Die Grundfertigkeiten hingegen, um den Unterricht gut und
aktuell zu gestalten, fehlen." Etwa: Wie lade ich ein Midifile
aus dem Internet herunter? Wie funktioniert ein Sequenzer-, wie
ein Notationsprogramm? Wie komprimiere ich einen Song zur MP3-
Datei? Was ist Harddisk-Recording?
Erst in den letzten fünf bis sechs Jahren öffnen sich
Hochschulen, Konservatorien und Lehrerseminare allmählich
den neuen Medien. Dennoch beurteilt Gerd Walter den Wissensstand
der nachwachsenden Lehrergeneration optimistisch: Ihr sei der
Umgang mit dem Computer, auch im Unterricht, selbstverständlich.
Allerdings kämen die Pädagogen durch den jahrelangen
Einstellungsstopp erst mit Verspätung in den Schuldienst.
Vor allem Schüler, die nie ein Instrument erlernt haben,
genießen dank einfacher Programme wie zum Beispiel "Magix
Music Maker" oder "HipHop eJay" Erfolgserlebnisse
als Komponist. "Klick dir deinen eigenen Hit, auch wenn du
keine Ahnung hast!", lautet die Devise. Auf dem Bildschirm
erscheint ein virtuelles Mischpult mit acht, sechzehn oder 24
Tonspuren. Aus einem Menü bereits vorproduzierter Klangschnipsel,
Samples genannt, werden einzelne durch Anklicken mit der Maus
in die Spur übernommen. Das Ohr entscheidet, jedes Sample
kann angehört werden.
Wer die Grundlagen der Harmonielehre beherrscht, kommt schneller
zum Ziel, einem netten Song. Aber auch, wem C-, G- und F-Dur sowas
wie böhmische Dörfer sind, wird durch planloses Anklicken
und Probieren seinen Achttakter für Schlagzeug, Bass, Keyboard
und Gitarre produzieren.
Über den Sinn solchen Tuns wird gestritten: Während
viele Pädagogen von der Ernsthaftigkeit und Motivation ihrer
Schüler bei der Handhabung dieser Programme schwärmen,
bezweifelt Thomas Bach, Berater am Medienzentrum Neuss, den pädagogischen
Wert dieser Übungen: "Alle wollen herumklicken. Aber
was herauskommt, ist den Schülern völlig Schnuppe. Schnipsel
zusammenstecken hat nichts mit Musik zu tun." Als Musiklehrer
an einer Hauptschule unterrichtet Bach Schüler, die sich
in der Regel nicht lange genug konzentrieren können, um nur
das schlichteste Programm sinnvoll zu bedienen.
Ausgefeilter Hip-Hop
Thomas Bach gehört zu jenen Pädagogen, die, nach anfänglicher
Euphorie und langer Erfahrung, den Segnungen des Mediums wieder
kritisch gegenüberstehen. "Die Kinder sollen trommeln,
klatschen, singen, Saiten in Schwingung versetzen, körperlich
begreifen, was Musik ist, aber nicht rumklicken", heißt
seine Devise. Den Computer setzt Bach gelegentlich "zur Entspannung"
ein. Dann lässt er die Schüler am Keyboard oder auf
der Gitarre eine Melodie spielen und fügt ihr aus dem Programm
"Band in a Box" eine Begleitung hinzu, "weil's
netter klingt". Oder die Klasse singt und versieht ihre Stimmen
anschließend mit Hall und Echoeffekten. So bekommt sie eine
Ahnung davon, wie Musik heute verarbeitet wird.
Immerhin einmal wöchentlich arbeitet der Musikgrundkurs der
elften Jahrgangsstufe an einem Gymnasium in Siegburg im eigenen
PC-Raum. Doch mit Auf- und Abbau der Rechner sind die 45 Unterrichtsminuten
schnell vorbei. Trotzdem haben es Anette, Kay und Jessica geschafft,
einen Musicalsong zu komponieren, drei andere Schüler feilen
noch an ihrer Hip-Hop-Nummer. Die Übrigen beschäftigen
sich mit Johann Sebastian Bach. Jesse und Daniel recherchieren
mit Hilfe von CD-Roms die Begriffe Kanon und Fuge. Lustlos klicken
sie sich von einem Verweis zum nächsten. In jedem hoffnungsvoll
geöffneten Text finden sich neue unbekannte Begriffe: Polyphonie,
Gleichberechtigung der Stimmen, Dux, Comes... Jesse schimpft und
mag nicht mehr. Daniel wahrt die Contenance, hat aber vermutlich
auch nichts gelernt in dieser Stunde.
Lukas und Allard wollen mit dem Sequenzer-Programm "Cubase"
Präludium und Fuge aus Bachs "Wohltemperiertem Klavier"
bearbeiten: neu instrumentieren, eine Melodie hinzufügen
oder den harmonischen Verlauf verändern. Sie scheitern doppelt:
an der Handhabung des Programms und am fehlenden Konzept für
die Bearbeitung. "Ein Instrument zu beherrschen", sagt
Lukas später, "ist hier überflüssig. Im Vorteil
sind die, die sich mit Computern auskennen." Doch Referendar
Volker Caspari kontert: "Stimmt nicht. Instrumentalisten
sind bei weitem überlegen, denn sie wissen, wie ein Akkord
klingt und wie sie ihn eingeben. Sie haben eine Vorstellung von
Melodik und ihrer Fortführung. Grundkenntnisse müssen
immer sein, weshalb wir nie auf die traditionellen Inhalte des
Musikunterrichts verzichten können."
Klicken statt klingen
Gar einen Gegenentwurf zur Maschine fordert Günther Wiedemann,
Musiklehrer am Reismann-Gymnasium und Fachleiter am Studienseminar
Paderborn. Obwohl er die zehn vernetzten Computer im Musikraum
weidlich und mit Überzeugung einsetzt, spürt er die
Notwendigkeit, die Arbeit zu hinterfragen. "Der Rechner klingt,
und das ist immer faszinierend. Er verführt dazu, dass die
Schüler beschäftigt sind. Aber die zutiefst humane Dimension
der Musik und des musizierenden Menschen bleibt auf der Strecke."
Sensible Parameter wie die Klangfarbe oder ein Crescendo werden
nur noch durch Anklicken von Zahlen eingegeben. "Wollen wir
diese Distanz, wollen wir dem Credo der Maschine folgen?"
Kollege Martin Schlu aus Bonn pflichtet ihm bei: "Der Computer
ist bei vielen Inhalten ein praktisches Hilfsmittel, aber die
großen Fragen der Musikpädagogik löst er nicht:
Wie lernen die Schüler hören? Wie lernen sie Musik spüren?
Wie lernen sie soziales Verhalten?" Die Antwort gibt Schlu
in seinem Unterricht selbst: Die Maus klickt, das Flimmern der
Mattscheibe verlischt, die Blicke der Schüler hängen
an den Lippen des Lehrers. Er singt, und die Jugendlichen stimmen
in den Kanon ein: "Bruder Jakob...".