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Ratgeber - Elternhilfe


   
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©Martin Schlu April 2000, gilt heute immer noch
Computer

Überlegung zum Umgang mit Computern in der Schule

Es ist mit den Computern und der Schule nicht so einfach, wie es oft dargestellt wird. Man könnte sich herzhaft darüber streiten, ob dieses Thema überhaupt so, wie es derzeit geschieht, in der Schule behandelt werden kann, so wichtig es auch ist. Es reicht eben nicht, allen Kollegen zu erklären, was man mit einem Computer anstellen könnte (Conjunctivus potentialis), ohne zu erklären, warum man es tun sollte (soll man wirklich?) wem (außer Bill Gates) es nützt und ob mit dem PC oder ähnlichem auch ein qualitativ besserer Unterricht möglich ist - was auch immer das sein soll.

Es bleibt überhaupt zu fragen, ob der Umgang mit Computern unbedingt in der Schule gelernt werden muß - viele andere Selbstverständlichkeiten wie Führerschein, Partnerwahl, Lebensplanung, Kindererziehung und Lebensgestaltung finden statt, obwohl (oder weil) sich die Schule aus diesen Dingen heraushält. Kein Mensch wäre auf die Idee gekommen, die Bedienung eines Videorecorders zum Unterrichtsgegenstand zu machen (außer in der Lehrerausbildung vor 20 Jahren als "apperative Praxis") , dennoch programmieren die Kinder/Jugendlichen die Rekorder, verstehen ihre Playstation, kopieren sich ihre CDs etc. Die Schule wird sicherlich nicht der Ort werden, an dem eine umfassende Computerausbildung geschehen kann.

Folgende wenige Beispiele aus den letzten Jahren meiner Unterrichtstätigkeit mögen dies verdeutlichen:

1.These: Technisches Können hilft unseren Schülern noch nicht weiter!

1994 hatte ich als Klassenlehrer einer damaligen 5. Klasse die Möglichkeit über einen engagierten Vater aus Bundestagsbeständen 20 PCs für je DM 250.- zu bekommen. Wir installierten ein kleines Textprogramm (Word 4.0) drauf, jeder Rechner hatte eine kleine Festplatte (ca 40MB) - es reichte zum Schreiben, für Textarbeit und die Schüler hätten konsequent alles Geschriebene mit einem PC ausführen können - wenn man sie gelassen hätte (Kommentar der Kollegen: "Wie, Disketten mit Hausaufgaben in der Fünf? Bist Du bekloppt?").

Ich habe mir viel böse Worte angehört, wir haben das Projekt still einschlafen lassen und die Schüler, die dennoch durchgehalten haben, konnten zwar mit Computer umgehen - gebracht hat es ihnen aber nichts, weil die Abgabe von Hausaufgaben auf Diskette oder als E-Mail bis heute immer noch nicht allgemein akzeptiert ist. Der Sohn des engagierten Vaters war später noch einige Zeit Spieletester für Bouvier, da war er, glaube ich, aber schon in der siebten Klasse und seine hervorragenden IT-Fähigkeiten haben ihm für die Anforderungen der Schule bislang nicht geholfen, weil unsere Bewertungsgrundlagen einfach noch nicht so weit sind.

Meine private Webseite wird von zwei Oberstufenschülern betreut, über deren Nebenverdienst aber im Kollegium kaum einer etwas weiß und ihr Know-How hilft ihnen auch nicht bei der Benotung, obwohl ihre eigene Firma preisgekrönt ist und als Vorzeigefirma für junge Unternehmer gilt. Daß unsere Schüler längst fähig sind, ihre Spickzettel per SMS ohne Lärm zu empfangen, sei nur am Rande erwähnt.



2.These: Falsche Geräte für den guten Zweck helfen nicht weiter!

Wir hatten das Problem, daß sich Windows-Rechner - anders als beispielsweise Macs - nicht in Einzelbereichen sperren ließen. Wer einmal eine Mittagsaufsicht mit dreißig Zehnjährigen in einem Computerrraum gemacht hat, weiß, wie schnell die lieben Kleinen eine "config.sys" löschen, eine "Autoexe.bat" duplizieren, den "Datei-Manager" verschieben können etc. Dies ist ein Grundfehler des Windows-Betriebssystemes, daß eine Systemsteuerung nicht so einfach abschließbar ist.

Gut, mittlerweile sind die Rechner vernetzt, da ist es etwas schwieriger, die Systemsoftware zu stören, möglich ist es aber immer noch. Einen Mac-Rechner dagegen kann man schon seit zehn Jahren so konfigurieren, daß die Systemsteuerung gesperrt ist, daß die Schüler nur an die Dateien kommen, die freigeschaltet sind. Hilft in der Schulpraxis aber nix: Standard sind eben Rechner der Wintel-Fraktion und nicht UNIX-Maschinen. Wie älter Kollegen wissen, hat sich vor 20 Jahren auch nicht das bessere Videosystem durchgesetzt, sondern VHS.

Eine andere Gesamtschule in Bonn ist sogar Apple-Versuchsschule, aber an die paar Mac-Rechner geht kaum jemand dran, denn "die sind ja nicht Industriestandard", so Originalton eines Beueler Kollegen.Mittlerweile sollte man überlegen, ob man auf die alten 486er nicht gleich LINUX aufspielt und die Schüler damit für modernere Systeme als Windows 2002..2004 etc. fit macht - wer mag schon einsehen, daß er 160 MB bewegen muß, bloß um einen Brief zu schreiben?

(Ergänzung im Juli 2000: Es ist natürlich ganz interessant nun zu sehen, daß der Trend in den Behörden Richtung Linux geht und es ist abzusehen, daß die Zeiten vorbei sind, bei denen das Geld für Windoof ausgegeben wird, wenn man Besseres umsonst bekommen kann. Das wird Bill Gates sicherlich nicht gefallen...)



3. These: Falsche Einschätzung der Realität durch die Verantwortlichen zugunsten der Verlage und Software-Hersteller oder: Sollen die Eltern und Schüler das Geschäft der Industrie bezahlen?

Ich war auf der letzten Interschul auf einer Veranstaltung zum Thema "Neue Medien" im Unterricht. Da saßen ein Vertreter des KUMI, Lektoren von Cornelsen, Deutschlehrer, Schulvertreter und alle waren fest der Meinung, daß, wenn ein Computer in der Klasse stünde, es mindestens ein Pentium II sei, er jederzeit funktioniere, das Programm laufen würde und man jederzeit zwischen Tafel, OHP, anderen Medien und PC wechseln könnte. Auf meinen bescheidenen Einwand, bei uns gäbe es eben nicht in jeder Klasse Rechner, schon gar nicht halbwegs moderne (sagen wir mal "ALDI-Standard") wurde ich das erste Mal böse angeguckt. Als ich schüchtern meinte, nicht jeder Kollege könnte mit einem Computer umgehen, wurde ich wieder böse angeguckt und irgendwann klappte ich meinen Laptop zu und bin gegangen. Die Software, die es bergeweise als Demos gab, war in etwa auf dem Stand eines Arbeitsblattes eines Gesamtschullehrers der 70er Jahre: öde, langweilig und grottenschlecht.



4. These: Wenn schon PC/Mac/Unix etc. , dann bitte im Netzwerk!

Ich versuche mir gerade eine Klasse vorzustellen, in der 30 Schüler und -innen mit Laptops verkabelt und verstrippt sind, ohne daß man über die Kabel stolpert (die iBooks von Apple kann man dagegen über Funk vernetzen und die Schüler können sich frei im Raum bewegen und auch mal den Sitzplatz wechseln) . Einen Klassensatz Instrumente für eine Fünf aufzutreiben (mache ich seit zwei Jahren) ist leichter als einen Klassensatz Laptops zu bezahlen, obwohl es annähernd gleich viel kostet.

Hochgerechnet ca. 800 Schüler (Klasse 5 und 6 lassen wir mal außen vor) über TCP/IP und Ethernet/Infrarot mit den Servern von Schule, Fachbereich und Klasse zu vernetzen ist ein Arbeitsaufwand, den man eben nicht mal mit einer oder zwei Stunden Entlastung durchführen kann. Eine Vorstellung, daß sich die Schüler mit ihrem Laptop am Schulserver einloggen (Fehl- und Anwesenheitszeiten) , ihre Aufgaben vom Intranet laden, eine Recherche im Internet durchführen etc. scheitert bereits an der Tatsache, daß die Aufgaben eines Sysops von angelernten Kollegen nebenbei durchgeführt werden müßten, weil die entsprechenden Netzwerkspezialisten natürlich nicht bezahlt würden. Man wäre ja blöd, sich darauf einzulassen!



5. These: Besserer Unterricht entsteht nicht durch mehr Medien!

Vor ein paar Wochen war die Journalistin Hilde Malcomess einige Stunden bei mir im Unterricht und guckte zu, wie ich meinen Laptop an den Fernseher im Musikraum anschloß um eine Bild/Tonausgabe zu machen (Notenlehre in einer Fünf) . Ich arbeite so seit drei Jahren und ob der Unterricht besser ist, mag ich nicht beurteilen - es spart mir aber ein bißchen Zeit, weil ich nicht mehr jede Stunde vorbereiten muß.

Frau Malcomess wollte eine Reportage über "Neue Medien im Unterricht" machen. Ich konnte ihr leider nur sagen, daß es im Prinzip wurscht ist, ob ich das Tafelbild an die Tafel oder in den Laptop schreibe, ob ich die Bildausgabe über den Monitor oder den OHP mache - das Wichtige sind immer noch die Unterrichtsinhalte. Natürlich kann ich ib. bei der Bildausgabe ein Bild so hochvergrößern, daß man mehr Details sieht, als bei einem OHP oder im Schulbuch und ich kann den Unterrichtsstoff besser zuschneiden und muß nicht mit dem Schulbuchschrott arbeiten. In erster Linie ist es aber mein Problem, wie ich den Unterricht vorbereite und nicht ein Schul- oder ein Schülerproblem.



6. These: Interessierte Kinder lernen es auch ohne Schule!
 
Meine Kinder leihen sich natürlich zuhause mein Powerbook aus, wir haben in der Wohnung auch vier Rechner vernetzt und die Kinder spielen auch unpädagogische Ballerspiele, manchmal sogar Lernsoftware... - am liebsten gehen sie aber raus zum Spielen, Fahrrad oder Inline fahren oder schauen sich am "alten" Medium Maus & Co an. Natürlich sind meine Kinder etwas privilegierter als andere, aber sie haben es durch Ausprobieren genauso gelernt wie andere Kinder die Bedienung ihres Fernsehers oder der Playstation.

Das deckt sich übrigens auch mit den Forschungsergebnissen der Lernforscher: strukturell starken Kindern ist die Schulform ausgesprochen egal, sie lernen an jeder Schule gut, strukturell schwache Kinder benötigen dagegen möglichst viel methodische Hilfe. Man kann sich ausrechnen, welche Kinder später mal IT-Fachkräfte werden.

 Fazit: Man sollte die Diskussion besser nicht so hochkochen, denn in ein bis zwei Jahren sind Rechner überall so normal wie Kühlschrank oder Telefon. Die Kinder lernen den Umgang mit den Rechnern auch ohne die Schule - vielleicht sogar besser als mit durchpädagogisierten Lehrinhalten.