Überlegung zum Umgang mit Computern in der Schule
Es ist mit den Computern und der Schule nicht so einfach, wie es oft
dargestellt wird. Man könnte sich herzhaft darüber streiten,
ob dieses Thema überhaupt so, wie es derzeit geschieht, in der
Schule behandelt werden kann, so wichtig es auch ist. Es reicht eben
nicht, allen Kollegen zu erklären, was man mit einem Computer
anstellen könnte (Conjunctivus potentialis),
ohne zu erklären, warum man es tun sollte (soll man wirklich?)
wem (außer Bill Gates) es
nützt und ob mit dem PC oder ähnlichem auch ein qualitativ
besserer Unterricht möglich ist - was auch immer das sein soll.
Es bleibt überhaupt zu fragen, ob der Umgang mit Computern unbedingt
in der Schule gelernt werden muß - viele andere Selbstverständlichkeiten
wie Führerschein, Partnerwahl, Lebensplanung, Kindererziehung
und Lebensgestaltung finden statt, obwohl (oder weil) sich die Schule
aus diesen Dingen heraushält. Kein Mensch wäre auf die Idee
gekommen, die Bedienung eines Videorecorders zum Unterrichtsgegenstand
zu machen (außer in der Lehrerausbildung
vor 20 Jahren als "apperative Praxis") , dennoch
programmieren die Kinder/Jugendlichen die Rekorder, verstehen ihre
Playstation, kopieren sich ihre CDs etc. Die Schule wird sicherlich
nicht der Ort werden, an dem eine umfassende Computerausbildung geschehen
kann.
Folgende wenige Beispiele aus den letzten Jahren meiner Unterrichtstätigkeit
mögen dies verdeutlichen:
1.These: Technisches Können
hilft unseren Schülern noch nicht weiter!

1994 hatte ich als Klassenlehrer einer damaligen 5. Klasse die Möglichkeit
über einen engagierten Vater aus Bundestagsbeständen 20
PCs für je DM 250.- zu bekommen. Wir installierten ein kleines
Textprogramm (Word 4.0) drauf, jeder Rechner hatte eine kleine Festplatte
(ca 40MB) - es reichte zum Schreiben, für Textarbeit und die
Schüler hätten konsequent alles Geschriebene mit einem PC
ausführen können - wenn man sie gelassen hätte (Kommentar
der Kollegen: "Wie, Disketten mit Hausaufgaben in der Fünf?
Bist Du bekloppt?").
Ich habe mir viel böse Worte angehört, wir haben das Projekt
still einschlafen lassen und die Schüler, die dennoch durchgehalten
haben, konnten zwar mit Computer umgehen - gebracht hat es ihnen aber
nichts, weil die Abgabe von Hausaufgaben auf Diskette oder als E-Mail
bis heute immer noch nicht allgemein akzeptiert ist. Der Sohn des
engagierten Vaters war später noch einige Zeit Spieletester für
Bouvier, da war er, glaube ich, aber schon in der siebten Klasse und
seine hervorragenden IT-Fähigkeiten haben ihm für die Anforderungen
der Schule bislang nicht geholfen, weil unsere Bewertungsgrundlagen
einfach noch nicht so weit sind.
Meine private Webseite wird von zwei Oberstufenschülern betreut,
über deren Nebenverdienst aber im Kollegium kaum einer etwas
weiß und ihr Know-How hilft ihnen auch nicht bei der Benotung,
obwohl ihre eigene Firma preisgekrönt ist und als Vorzeigefirma
für junge Unternehmer gilt. Daß unsere Schüler längst
fähig sind, ihre Spickzettel per SMS ohne Lärm zu empfangen,
sei nur am Rande erwähnt.
2.These: Falsche Geräte
für den guten Zweck helfen nicht weiter!

Wir hatten das Problem, daß sich Windows-Rechner
- anders als beispielsweise Macs - nicht in Einzelbereichen sperren
ließen. Wer einmal eine Mittagsaufsicht mit dreißig Zehnjährigen
in einem Computerrraum gemacht hat, weiß, wie schnell die lieben
Kleinen eine "config.sys" löschen, eine "Autoexe.bat"
duplizieren, den "Datei-Manager" verschieben können
etc. Dies ist ein Grundfehler des Windows-Betriebssystemes, daß
eine Systemsteuerung nicht so einfach abschließbar ist.
Gut, mittlerweile sind die Rechner vernetzt, da ist es etwas schwieriger,
die Systemsoftware zu stören, möglich ist es aber immer
noch. Einen Mac-Rechner dagegen kann man schon seit zehn Jahren so
konfigurieren, daß die Systemsteuerung gesperrt ist, daß
die Schüler nur an die Dateien kommen, die freigeschaltet sind.
Hilft in der Schulpraxis aber nix: Standard sind eben Rechner der
Wintel-Fraktion und nicht UNIX-Maschinen. Wie älter Kollegen
wissen, hat sich vor 20 Jahren auch nicht das bessere Videosystem
durchgesetzt, sondern VHS.
Eine andere Gesamtschule in Bonn ist sogar Apple-Versuchsschule, aber
an die paar Mac-Rechner geht kaum jemand dran, denn "die sind
ja nicht Industriestandard", so Originalton eines Beueler Kollegen.Mittlerweile
sollte man überlegen, ob man auf die alten 486er nicht gleich
LINUX aufspielt und die Schüler damit für modernere Systeme
als Windows 2002..2004 etc. fit macht - wer mag schon einsehen, daß
er 160 MB bewegen muß, bloß um einen Brief zu schreiben?
(Ergänzung im Juli 2000: Es ist natürlich ganz interessant
nun zu sehen, daß der Trend in den Behörden Richtung Linux
geht und es ist abzusehen, daß die Zeiten vorbei sind, bei denen
das Geld für Windoof ausgegeben wird, wenn man Besseres umsonst
bekommen kann. Das wird Bill Gates sicherlich nicht gefallen...)
3. These: Falsche Einschätzung
der Realität durch die Verantwortlichen zugunsten der Verlage
und Software-Hersteller oder: Sollen die Eltern und Schüler das
Geschäft der Industrie bezahlen?

Ich war auf der letzten Interschul auf einer Veranstaltung zum Thema
"Neue Medien" im Unterricht. Da saßen ein Vertreter
des KUMI, Lektoren von Cornelsen, Deutschlehrer, Schulvertreter und
alle waren fest der Meinung, daß, wenn ein Computer in der Klasse
stünde, es mindestens ein Pentium II sei, er jederzeit funktioniere,
das Programm laufen würde und man jederzeit zwischen Tafel, OHP,
anderen Medien und PC wechseln könnte. Auf meinen bescheidenen
Einwand, bei uns gäbe es eben nicht in jeder Klasse Rechner,
schon gar nicht halbwegs moderne (sagen wir mal "ALDI-Standard")
wurde ich das erste Mal böse angeguckt. Als ich schüchtern
meinte, nicht jeder Kollege könnte mit einem Computer umgehen,
wurde ich wieder böse angeguckt und irgendwann klappte ich meinen
Laptop zu und bin gegangen. Die Software, die es bergeweise als Demos
gab, war in etwa auf dem Stand eines Arbeitsblattes eines Gesamtschullehrers
der 70er Jahre: öde, langweilig und grottenschlecht.
4. These: Wenn schon PC/Mac/Unix
etc. , dann bitte im Netzwerk!

Ich versuche mir gerade eine Klasse vorzustellen, in der 30 Schüler
und -innen mit Laptops verkabelt und verstrippt sind, ohne daß
man über die Kabel stolpert (die iBooks
von Apple kann man dagegen über Funk vernetzen und die Schüler
können sich frei im Raum bewegen und auch mal den Sitzplatz wechseln)
. Einen Klassensatz Instrumente für eine Fünf aufzutreiben
(mache ich seit zwei Jahren) ist
leichter als einen Klassensatz Laptops zu bezahlen, obwohl es annähernd
gleich viel kostet.
Hochgerechnet ca. 800 Schüler (Klasse
5 und 6 lassen wir mal außen vor) über TCP/IP
und Ethernet/Infrarot mit den Servern von Schule, Fachbereich und
Klasse zu vernetzen ist ein Arbeitsaufwand, den man eben nicht mal
mit einer oder zwei Stunden Entlastung durchführen kann. Eine
Vorstellung, daß sich die Schüler mit ihrem Laptop am Schulserver
einloggen (Fehl- und Anwesenheitszeiten)
, ihre Aufgaben vom Intranet laden, eine Recherche im Internet durchführen
etc. scheitert bereits an der Tatsache, daß die Aufgaben eines
Sysops von angelernten Kollegen nebenbei durchgeführt werden
müßten, weil die entsprechenden Netzwerkspezialisten natürlich
nicht bezahlt würden. Man wäre ja blöd, sich darauf
einzulassen!
5. These: Besserer Unterricht
entsteht nicht durch mehr Medien!

Vor ein paar Wochen war die Journalistin Hilde Malcomess einige Stunden
bei mir im Unterricht und guckte zu, wie ich meinen Laptop an den
Fernseher im Musikraum anschloß um eine Bild/Tonausgabe zu machen
(Notenlehre in einer Fünf)
. Ich arbeite so seit drei Jahren und ob der Unterricht besser ist,
mag ich nicht beurteilen - es spart mir aber ein bißchen Zeit,
weil ich nicht mehr jede Stunde vorbereiten muß.
Frau Malcomess wollte eine Reportage über "Neue Medien im
Unterricht" machen. Ich konnte ihr leider nur sagen, daß
es im Prinzip wurscht ist, ob ich das Tafelbild an die Tafel oder
in den Laptop schreibe, ob ich die Bildausgabe über den Monitor
oder den OHP mache - das Wichtige sind immer noch die Unterrichtsinhalte.
Natürlich kann ich ib. bei der Bildausgabe ein Bild so hochvergrößern,
daß man mehr Details sieht, als bei einem OHP oder im Schulbuch
und ich kann den Unterrichtsstoff besser zuschneiden und muß
nicht mit dem Schulbuchschrott arbeiten. In erster Linie ist es aber
mein Problem, wie ich den Unterricht vorbereite und nicht ein Schul-
oder ein Schülerproblem.
6. These: Interessierte
Kinder lernen es auch ohne Schule!

Meine Kinder leihen sich natürlich zuhause mein Powerbook aus,
wir haben in der Wohnung auch vier Rechner vernetzt und die Kinder
spielen auch unpädagogische Ballerspiele, manchmal sogar Lernsoftware...
- am liebsten gehen sie aber raus zum Spielen, Fahrrad oder Inline
fahren oder schauen sich am "alten" Medium Maus &
Co an. Natürlich sind meine Kinder etwas privilegierter als
andere, aber sie haben es durch Ausprobieren genauso gelernt wie
andere Kinder die Bedienung ihres Fernsehers oder der Playstation.
Das deckt sich übrigens auch mit den Forschungsergebnissen
der Lernforscher: strukturell starken Kindern ist die Schulform
ausgesprochen egal, sie lernen an jeder Schule gut, strukturell
schwache Kinder benötigen dagegen möglichst viel methodische
Hilfe. Man kann sich ausrechnen, welche Kinder später mal IT-Fachkräfte
werden.
Fazit: Man sollte die Diskussion besser nicht so hochkochen,
denn in ein bis zwei Jahren sind Rechner überall so normal
wie Kühlschrank oder Telefon. Die Kinder lernen den Umgang
mit den Rechnern auch ohne die Schule - vielleicht sogar besser
als mit durchpädagogisierten Lehrinhalten.
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