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Venedig für Anfänger - eine Reiseempfehlung
von Martin Schlu
2006/Okt. 2009
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Allgemein
- Reisezeit
- Unterkunft - Gepäck
- Ankunft
- Essen
gehen -
Einkaufen
- Sightseeing
- Konzerte
- Kunst
- Friedhof San Michele - Literatur

Venedig von San Giorgio aus: Campanile, rechts
davon Palazzo Duccale (Feb 2007)
Allgemein
- Seitenanfang
"In München steht das Hofbräuhaus
und dicht dahinter liegt Venedig"
- ein legendärer Spruch des Zeichners und Cartoonisten Manfred Schmidt
aus den 60er Jahren (aus: Schmidt, Manfred: Mit Frau Meier in die
Wüste, vergriffen, evtl. antiquarisch). Der Satz stimmt heute immer
noch, denn gerade am Wochende kommen sie, die Bayern, die
Österreicher, Engländer, Franzosen und viele andere, die gerne mal ein
paar Tage in Venedig verbringen - wie ich auch. Hinzu kommen die
Tagestouristen von den großen Schiffen, die am Vormittag in großen
Horden in die Gegend zwischen Arsenale und San Marco einfallen, aber
zum Glück ab dem späten Nachmittag wieder weg sind, so daß man dann wieder
so viel Platz hat wie im Supermarkt Samstag vormittag. Man plant für einen Besuch nach Möglichkeit eine Woche ein. Zur Einstimmung empfehlen sich ein paar Brunetti-Krimis, diverse Venedig-Filme und etwas Lesezeit.
Venedig besteht aus mehrereren Stadtteilen: San
Polo im nördlichen Zentrum, San Marco im
südlichen Zentrum, Dorsoduro und die Isola
dell Giudecca im Süden, San Croce im Nordwesten,
Canareggio im Norden und Arsenale und Castello im Osten.
Außerdem gibt es die Friedhofsinsel San
Michele , den Lido, die Glasbläserinsel Murano und
einige Außenbezirke wie Burano oder Torcello, Man muß nicht
alle kennen und nicht alle gesehen haben, es sei
denn, man will da wohnen, dann braucht man sowieso ein Boot. Die Wohngegenden sind
eher Canareggio, Dorsoduro, Castello und San Croce,
die Touristenzentren liegen eher um San Polo und
San Marco - Überschneidungen zwischen Tourismusbetrieb und normalem Geschäft sind normal.
Reisezeit - Seitenanfang
Venedig hat zwar immer Hochsaison, aber dennoch
gibt es bessere und schlechtere Zeiten. Im Winter
ist es feuchtkalt und schön und der Kanal
stinkt nicht, im Sommer ist es feuchtheiß und
schön und der Kanal stinkt manchmal und im
Frühjahr und Herbst stinkt es weder, noch ist
es zu kalt oder zu heiß und es ist eigentlich
die beste Reisezeit. Die besten Zeiten sind
der Mai und Oktober/November, weil da die
normalen Ferientouristen ausfallen. Gute Zeiten
sind außerdem Karneval, die Woche vor und nach Ostern und
die Zeit um die Jahreswende, vielleicht nicht
gerade samstags zwischen 11:00 und 14:00 Uhr, weil
dann auch noch die Wochenends-Tagestouristen
einfallen und es zwischen Rialto und San Marco
zugeht wie Rosenmontags in der Kölner
Innenstadt.

Sonntagnachmittag
-
links: Gasse bei Canareggio im Touristenstrom,
rechts Gasse in Canareggio im Wohngebiet.
Die Bürgersteige werden
sonst abends ab 22.00 Uhr hochgeklappt und man kann durch die Straßen/Gassen gehen ohne
sich totzutrampeln und manchmal sind die Gassen sogar leer. Allerdings, wer nicht gut zu
Fuß ist, sollte besser nicht nach Venedig
fahren, weil es ohne Laufen nicht geht und für Rollstuhlfahrer geht Venedig überhaupt nicht. Auch von
breiten Kinderwagen kann man nur abraten, denn
durch viele Gassen kommt man nicht durch, weil sie
weniger als einen Meter breit sind. Wer kleine
Kinder hat, trägt sie am besten im Gestell auf
dem Rücken, größere läßt
man laufen. Ich habe zwei Male in Venedig
einen breiten Zwillingswagen gesehen - mit
genervten und gestreßten Eltern. Zur
Nachahmung nicht empfohlen.
Unterkunft - Seitenanfang Man
hat sich im Idealsfall ein halbes Jahr vorher eine Wohnung besorgt.
Die gibt es in allen Größen ab etwa EUR 120.-/Tag bei 2- 4 Personen.
Hotels kosten immer das Doppelte bis Dreifache oder mehr. Denkbar ist
auch die Jugendherberge auf der Giudeccha oder eine Wohnung in Mestre
oder in
Jesolo, von wo man aus täglich mit der Bahn in die Stadt fährt. Die
meisten Venezianer machen das so, weil die Mieten und Wohnungspreise in
Venedig für sie schon lange nicht mehr zu bezahlen sind und aus dieser
Stadt fast schon ein Freilichtmuseum geworden ist mit vielen
Läden für Masken und
Souveniers. Doch es gibt auch noch normale
Wohngebiete, Geschäfte, Supermärkte und Schulen - ca. 60.000 Menschen leben
immerhin noch in der Altstadt. Die kennen
meistens auch jemanden, der für das nächste Mal bezahlbar vermietet.
Übrigens kostet eine Drei-Zimmer-Wohnung in einer halbwegs zentralen
Lage soviel wie woanders ein ganzes Haus - ab ca. EUR 300.000.- kann
man zum Makler gehen. Für diesen Betrag kann man im Prinzip aber auch
sein Leben lang für die Venedig-Kurzbesuche eine Wohnung mieten.
Gepäck - Seitenanfang
Alles andere als ein Rollkoffer (Trolley) ist Quatsch. Venedig hat
Hunderte von Brücken, über die ein Koffer getragen werden muß und bei
ca. 15 kg ist einfach Schluß. Wenigstens über die Gassen und Plätze
sollte
man das Teil ziehen können. Da fast überall Pflaster liegt,
sollten es große Rollen sein, möglichst mit Gummi, das schont die Ohren
der Anwohner und verhindert ein Abbrechen der Rollen. Mir tun immer die
Mädel leid, die zwei dicke Koffer und einen Bergsteigerrucksack
schleppen, weil sie glauben, sich für abends aufbrezeln müssen. Ist gar
nicht nötig - die netten "ragazzi" flirten mit allen und für die nötigsten Klamotten und das Schminkzeug reicht auch ein Koffer .
Die aufgebrezelten amerikanischen Kreuzfahrermädchen sind abends auch keine
Konkurrenz mehr, denn dann sind die Schiffe schon wieder fort. Übrigens gibt
es Tausende von Studenten und Studentinnen, die in Venedig richtig
arbeiten und wenn man nach achtzehn Uhr einen jungen Menschen mit
amerikanischem Akzent hört, ist es kein Tourist, sondern vermutlich ein/e
Kunststudent/in.
Ankunft - Seitenanfang
Nach der Landung am Flughafen Marco Polo
löst man entweder das Wochenticket für EUR 50,00 oder das Dreitage-Ticket der ACTV
für EUR 33,00.- (Einzelticket: 6,50.- ; 36 Stunden: 23,00.-, Kinder die Hälfte) und nimmt
den Bus Nr. 5 bzw. 5D zur Piezzale
di Roma (PR) Auf jeden Fall sollte
man das größte mögliche ACTV-Ticket lösen, es ist wesentlich billiger als das
Einzelticket und das Gepäck (sonst pro Koffer EUR 3,50.-) ist auch
inbegriffen. Wenn
Streik sein sollte, kann man für EUR 13,00.- das Boot zur Zattere oder
nach S. Zaccharia , Nähe San Marco, nehmen und ist schon mal mitten drin. Mit
dem Vaporetto, einer Art Busboot, geht es normalerweise überallhin
weiter. Zum Kennenlernen fährt man am besten
erst mal mit der Linie 1 oder 2 vom Piezzale bis etwa Arsenale und zurück. Das dauert etwa
eine bis anderthalb Stunden. Wenn man sich etwas auskennt, läuft man. Langsamer
ist man so auch nicht und man sieht mehr. Ich habe es mit der Linie 1, 2, 3, 42 und einem
griffbereiten Stadtplan ausprobiert.
Wer wirklich mit dem Zug am Bahnhof "Ferrovia" ankommt (es gibt immerhin täglich eine Verbindung nach München), kann
gleich da ins Boot umsteigen.
Autofahrer
stellen ihr Gefährt ins Parkhaus am Piezzale oder ins neue Parkhaus
"Tronchetto" ab (ca EUR 25.-/Tag, je nach Saison) und fahren mit der Linie 1 oder 2 weiter.
Wenn man keine Zeit hat, kann man auch ein Taxi(boot)
nehmen, doch da ist Zeit buchstäblich Geld, weil wahrscheinlich das
Datum mit auf die Rechnung kommt. Dafür fährt einen das Taxi bis vor
oder hinter das Haus. Der übliche Preis vom oder zum Flughafen liegt bei
EUR 95.- pro Boot - oder pro Person??? ;-) (Das habe ich noch nicht ausprobiert und will es auch nicht... MS)
Essen
gehen - Seitenanfang
Essen gehen ist teuer. In Italien sowieso, in
Venedig noch mehr. Üblich sind EUR 2,00 pro
Person fürs Gedeck, 12% Zuschlag für
Service und im Prinzip EUR 50,00.- pro Person
(Mittelklasse). Man zahlt bereits ein Drittel mehr,
sobald man sich hinsetzt. Also macht man Pause am
besten nur im Café und ißt etwas auf
die Hand. Es gibt in Venedig mittlerweile
Kebab-Buden, Döner, die obligatorischen Pizze
und die Insider gehen zur Rusticceria (Rialto aussteigen, am
Goldoni-Denkmal rechts rein) und kriegen dort
für fünf Euro oder mehr etwas auf die Hand. Die Alternative snd Supermärkte und das "panne" auf die Hand (s. "Einkaufen")
Wenn man sich aber auf venezianische Küche einläßt (z.B. "fritto misto con polenta",
frittierte Meeresfrüchte mit einer Art gegrilltem Grießpudding), kann man für etwa EUR
20.- mit einem Getränk gut essen. Günstig sind auch die vielen Osteria oder Trattoria.
Am besten sollte man da essen, wo nur italienisch gesprochen wrd, da
hat man auch die normalen Preise. Mc Donalds gibt es natürlich
auch (Canareggio, Einkaufsmeile), aber es ist teurer - wie zuhause.

Typisch italienische Küche (Feb 2009)
Einkaufen - Seitenanfang Man
findet (außer um die Piazza di San Marco) durchaus normale
Geschäfte und Supermärkte, insbesondere in Dorsoduro und Canareggio, wo
auch normale Venezianer leben. Sinnvoll ist der Billa an der
Haltestelle San Basilio (Dorsoduro) oder der große coop-Supermarkt
am Piezzale Roma an der Anlegestation der Linie 1. Dann kann man
größere Einkäufe direkt zum Boot tragen und entsprechend
umsteigen. Rund um die Plätze, die nach den Kirchen benannt sind,
gibt es in den
Wohngebieten durchweg normale Geschäfte, so zum Beispiel in Dorsudoro, Castello, Canareggio und Arsenale
eine Unzahl
kleiner Läden und Betriebe, in denen auch die Einheimischen kaufen. Wir
haben schon im Supermarkt Punto in Dorsoduro eine Flasche Wein für
einen Euro gefunden, der gut schmeckte und solche Preise sind kein
Einzelfall. In Cannaregio und Castello ist
die Situatution ähnlich, San Marco und San Polo sind allerdings touristisch und
daher deutlich
teurer. In Dorsoduro (Campo San Barnaba) und Castello gibt es auch ein Gemüseboot, wo man gut einkaufen kann. Auf
dem Festland am Campingplatz gibt es zwar Lidl und Co, doch wenn man
eine Unterkunft in einer Wohngegend hat, kauft man bitte auch da ein,
sonst gibt es die Läden in ein paar Jahren nicht mehr und sie sind zu Ferienwohnungen
geworden.
Was man möglichst unterläßt, ist, von einem der fliegenden
Schwarzhändler eine gefälschte Prada- oder Gucci-Handtasche zu kaufen.
Sie sind nicht nur absolut überteuert, sondern fuchtbar schlechte chinesische Kopien und man riskiert ein
Bußgeld, wenn die carabienieri das mitbekommen. Nur einmal
habe ich keinen Verkäufer gesehen, an dem Tag war eine internationale Konferenz und
alle paar Meter stand ein Trüppchen "carabinieri" und "soldati" in Bereitschaft. Am nächsten Tag war die Konferenz vorbei und die Verkäufer waren alle
wieder da - sie informieren sich üblicherweise mit dem Handy, wo die
Polizei gerade ist und packen im Bedarfsfalle in zehn Sekunden
aus und
ein - ich habe es mal gestoppt. Natürlich gibt es auch Gründe, die
Taschen trotzdem zu kaufen - die meisten Verkäufer sind Kriegs- oder
Wirtschaftsflüchtlinge aus Afrika, die unter lebengefährlichen
Umständen in Bari angelandet und dann nach Venedig angekommen sind und ums Überleben kämpfen und der
Verkauf ist ihre einzige Einnahmequelle.

Fliegender Händler in Canaregio (Feb 2007)
Sightseeing - Seitenanfang
Zur
Orientierung ist ein Stadtplan
und eine Kamera Pflicht. Mit der Kamera kann man wichtige Brücken und
Plätze so fotografieren, daß man anhand der Bilder auch die
Schreibweisen auf der Karte wiederfindet. Mit der Karte kann man in
irgendeinen Laden gehen und sich den Weg einzeichnen lassen. Nach drei
Tagen braucht man im Normalfall die Karte nicht mehr, sollte sie aber
vorsichtshalber dabei haben. Wenn man weiß, wo man wohnen wird, kann
man sich vorher von Google Maps den entsprechenden Ort anzeigen und
ausdrucken lassen und hat ein Stück Papier zur Orientierung oder zum
Fragen - Englisch verstehen alle, ein paar Brocken Italienisch schaden
nicht.
Am besten macht man folgende Reihenfolge: Rundreise mit Linie 1 (hält
an jeder Station am Canal Grande) und 2 (hält jede dritte
Station) zwecks Übersicht, danach schafft man vielleicht die
Besichtigung von San Marco,
Campanile, Palazzo Duccale - je nach Länge der Schlange. Dann sind knapp vier
Stunden herum und man macht am besten Pause - vielleicht
nicht an einem Café am Marcusplatz, es sei denn
man will/kann für den Kaffee acht Euro bezahlen.
Nach der Pause fährt man mit dem Boot zur
Rialtobrücke (mit verschlossenen Taschen und
wenig Geld), von da aus geht man zu Fuß zur Accademia
und kann sich ein bißchen durch die Gassen
treiben lassen. Wer sich verläuft, nimmt
irgendein Boot zur Piezzale oder nach San Marco und macht einen
Neustart.

Canal Grande am Abend vom Achterdeck der Linie 1 aus (Okt 2009)
Am zweiten Tag kann man Kultur
machen: Guggenheim (Haltestelle Zattere) , Ca' Rezzonicco und ein paar Palazzi, die einem vom
Boot aus aufgefallen sind (Palazzo Grassi, Ca' Doro, S. Tomo etc.). Markt und
Fischmarkt in der Markthalle oder in Dorsoduro auf dem Campa San Margerita muß man bis 12.00 Uhr
geschafft haben, danach wird abgebaut. Dann kennt man sich
wahrscheinlich schon soweit aus, daß man auch im Dunkeln von Dorsoduro
nach San Marco oder zum Piezzale findet. Weitere Ziele für die nächsten
Tage könnten die Inseln San Michele, Murano, Burano oder Torcello sein.
Dies dauert etwa zwei Stunden inclusive Umsteigen in Murano und Burano,
weil die Verbindungen nicht so gut sind. Man kann mit der 1 auch
zum Lido fahren und auch dort kann man ganz normal einkaufen. Danach
schaut man,
was die Reiseführer noch hergeben. Realistisch sind eine
Vormttags- oder Mittags-Tour, danach ist eine Pause angesagt und am
Abend kann man noch mal
raus, sonst wird es keine Erholung mehr.
Wenn
man Glück hat, stimmt das Wetter
und das Licht. San Marco, San Giorgio und die typischen Motive macht
man besser am späten Nachmittag bis zum Abend, weil das Licht dann
perfekt steht. Wenn man Glück hat, erwischt man einen Tag, an dem der
Wind das Wasser
bei Flut noch etwas höher drückt und dann hat man "aqua alta",
Hochwasser, und versteht, warum überall Stege griffbereit herumliegen.
Nach ein paar Stunden, wenn die Flut vorbei ist, ist der ganze Zauber
wieder weg.

"Aqua alta" am Vormittag bei Regen (Okt 2009)
Konzerte - Seitenanfang
In der Musik sieht es schlecht aus. Es gibt zwar regelmäßig Konzerte in der Altstadt, aber dies ist
ein professionelles Ensemble, das das
gleiche Set jeden Abend spielt und die Plakate so gestalten läßt, daß es so
aussieht, als seien sie nur dreimal da. (Beispiel: das eine Plakat
annonciert den 12., 14. und 16. Oktober, ein anderes Plakat in einer
anderen Farbe, aber mit dem gleichen Foto bewirbt den 21., 23. und 25.
Oktober und so geht es weiter.). Für einen musikalisch durchschnittlich gebildeten
Touristen mag das angehen, doch die Zusammenstellung des Programms ist
ein Best Of der "klassischen Musik" (was immer das sein soll): "Kleine
Nachtmusik"" , "Schwanensee" , "Vier Jahreszeiten" und/oder
irgendein Vivaldi-Konzert. Der Kenner kauft sich lieber die Anthologie
bei Wohlthat oder Zweitausendeins oder geht in Köln oder Bonn oder sonstwo ins
Konzert.
Manchmal kommen Gastensembles (z.B. "Concerto Köln"), doch
eine kontinuierliche Kirchen- oder Orchestermusik, wie man sie von
den großen Kirchen und Konzertsälen in Köln, Bonn, München oder Hamburg kennt, gibt es hier nicht mehr,
Kirchenchöre oder- orchester schon gar nicht. Um die Kirchenmusik in San
Marco ist
es heute wesentlich schlechter bestellt als vor 400 Jahren und
jede Dorfkirche im Rheinland macht momentan mehr. Als Musiker
kriegt man das kalte Grausen, wenn man in der Erwartung hierhin kommt,
man würde sozusagen "authentische" venezianische Musik hören, denn die
Bläsermusik des 16./17. Jht. wird längst nicht mehr in Venedig gespielt, sondern in London, Köln/Bonn oder anderen Städten.
Zwar gibt es um Karneval durchaus regelmäßig Musik, doch das sind
Rockkonzerte
auf der Piazza di San Marco oder auf dem Campo Santa Margareta bis tief
in die Nacht. Ein Musikleben findet in Venedig also nicht mehr statt,
doch die meisten Touristen merken es nicht und den anderen ist es wohl egal.
Die meisten wichtigen alten Musiker sind sowieso vergessen: Gabrielis Grab
fand ich schon beim zweiten Besuch (Dorsoduro, Campo Santa Stefano,
gleichnamige Kirche, links vom Eingang), Monteverdis Grab
habe ich erst beim dritten
Besuch gefunden und nur, weil ein Stadtplanverkäufer mir einzeichnen
konnte, wo ich suchen mußte (Stadtteil San Polo, Kirche "Santa Maria
Gloriosa dei Frari", dort in der "Capella Dei Milanesi") und Vivaldis
Grab findet man überhaupt nicht in Venedig, sondern es liegt in Wien.
Man
hat es dort aber schon vor hundertfünfzig Jahren platt gemacht weil man
den Platz für die
Naturwisenschaft der Universtät brauchte - so ähnlich ist heute auch
das venezianische Musikleben - im Friseurjargon nennt man das "Totalrasur".
Wer
wirklich gute Musiker
hören will,
muß zum Marcusplatz gehen, die acht Euro für den Kaffee oder
Anderes investieren und kann den Cafékapellen zuhören. Die können
alles auf Zuruf spielen, haben Stimmbücher, die für sechs bis zehn
Stunden Programm gut sind, sind alle hochprofessionell
und machen die Vivaldi-Orchester dreimal naß. Es ist eine echte
Alternative zu dem Vivaldi-Gedudel, das überall zu hören ist und als Kombination von Konzert und Getränk
ist es billiger und besser.
Kunst
- Seitenanfang
Man kann nicht alles aufzählen, noch nicht
einmal erwähnen. Man kann zigtausende Bilder
des 17. und 18. Jahrhunderts in den -zig Kirchen
und Palästen sehen,
meistens vom Kerzenruß und dem damit damit verbundenen Rauch geschwärzt
und verdunkelt. Es gibt dabei natürlich viel Außergewöhnliches und wer
Kunstgeschichte studiert hat, für den ist Venedig eine Offenbarung. Für
die anderen sind es mehrheitlich alte Schinken, die man sch irgendwann
übersieht und wenn man satt ist, geht man nicht mehr in die
Speisekammer. Nach dem soundsovielten Tintoretto in der soundsovielten
Kirche stellten sich auch bei mir gewisse Ermüdungserscheinungen ein,
und daher verweise ich auf die üblichen Kunst- und Reiseführer.
Meistens darf man nicht fotographieren, manchmal muß man sich dafür
eine Lizenz kaufen. Abzeichnen ist aber erlaubt.
Generell gilt: Venedig ist eine
künstlerische Metzgerei mit viel
Schinken (geschätzte 95 %,) und ein paar Filetstücken,
wenigen außergewöhnliche Werke, die nicht in San Marco hängen, sondern eher in
den kleinen Stadtteilkirchen. Man stolpert in diesen kleinen
Kirchen oft über
wirklich Grandioses, doch wenn man etwas Bestimmtes sucht, wird es
schwierig und die Reiseführer helfen hier nicht weiter, dann muß man
sich durchfragen - ohne rudimentäre Grundkenntnisse in Italienisch
läuft bei den Einheimischen aber nichts.
Friedhof San Michele - Seitenanfang
Auf dem Friedhof San Michele (Linie 42,
"Cimiterio") liegen interessante Personen: das Ehepaar Strawinsky,
Ezra Pound, Joseph Brodsky, internationale Diplomaten, Komponisten und Politiker des 19. Jahrhunderts
und natürlich auch normale Venezianer, die sich entsprechend früh
dort eingekauft haben. Besonders bemerkenswert fand ich das Grab des Strawinsky-Choreographen Sergei Diaghilew, der bei meinem letzten Besuch ein
signiertes Programmheft der John Neumeier-Company als Reverenz auf dem
Grabstein liegen hatte und regelmäßig Ballettschuhe aufs Grab gelegt bekommt.
Strawinsky liegt etwas weiter.

Wenn Sie das erste Mal ein
paar Tage da gewesen sind, werden Sie vermutlich feststellen: der Schlu
hat gar nicht übertrieben - es ist ja alles noch viel schlimmer. Dann
schreiben Sie mir.
Literatur
- Die Venedig-Literatur ist unüberschaubar.
Daher wird nur einführende Literatur für
erstes Stöbern angegeben:
Antonella Grignola (Hrsg): Die Dogen von
Venedig.
Reihe: Atlas der Geschichte, Demetra, Colognola ai
Colli 1999, ISBN 88-440-1412-9
Susanna Heimgartner: Venedig... selbst
entdecken.
Reihe: Regenbogen Reiseführer, Zürich
1999, ISBN 3-85862-036-X
GEO-spezial, Nr. 1 Feb/März 2004
"Venedig", G+J, Hamburg 2004,
- außerdem von meinem
geschätzten Kollgen und seiner Frau ein
literarischer Reiseführer über
Venedig:
Doris und Arnold E. Maurer: Literarische
Spaziergänge: Venedig. Insel Taschenbuch
it 1413, Frankfurt 1993
.. und alle paar Monate mal schauen, was sich auf dieser Seite verändert hat.
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Fotos:
© Martin Schlu, 2006 - 2009
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