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20. Jahrhundert
Rainer Maria
Rilke
Rainer Maria Rilke und Worpswede 1898 -1902
Als Rilke im Frühjahr in Florenz ist, lernt er dort den Künstler
Heinrich
Vogeler kennen, der in Worpswede
bei Bremen mit Fritz Mackensen eine Künstlerkolonie gegründet
hat und befreundet sich mit ihm. Vogeler läd Rilke ein, das
Weihnachtsfest mit ihm zu verbringen und Rilke bekommt dort, im
sogenannten "Barkenhoff" Kontakt zu der Bildhauerin Clara
Westhoff und der Malerin Paula
Becker, die eng miteinander befreundet sind. Zum Abschied schreibt
Rilke für Vogeler einen Hausspruch, der seitdem über dem
Eingang des Gebäudes hängt:
Licht ist sein Loos,
ist der Herr nur das Herz und die Hand des Bau's,
mit den Linden im Land
wird auch sein Herz schattig und groß
Der Gedichtband "Mir zur Feier" wird von Heinrich Vogeler illustriert.
Rilke gehört nun zum festen Stamm der Worpsweder Künstler.
Mit Lou Andreas-Salome reist er zweimal nach Rußland um dort
Material über russische Maler zu sammlen. Diese Arbeit wird
aber nie geschrieben, stattdessen trifft er Leo Tolstoij und bekommt
Kontakt mit der russischen Bildungselite. (Bresler 37-40)
Nach der Rückkehr aus Rußland und der Trennung von Lou
Andreas-Salome verbringt Rilke den Sommer in der Künstlerkolonie
Worpswede und wohnt bei Vogeler auf dem "Barkenhoff". Dort erzählt
er von seinen Eerlebnissen, dem Treffen mit Leo Tolstoij und schwärmt
Vogeler regelrecht von Rußland vor. Vogeler ist beeindruckt
und plant ebenfalls dorthin zu fahren, dies kann er aber erst 1923
verwirklichen, als es dieses Rußland schon lange nicht mehr
gibt.
"Wir sitzen im Musiksaal, weiß, weiße Türen,
Vasen darüber gemalt, aus denen Rosenketten sanft zu beiden
seiten fallen. Alte Stiche, kleine galante Gartenszenen, graziöse
Portrauts. J.J. Rousseaus Grabmal. Empirestühle, ein Lehnstuhl...
Man spielt Richard Strauß, Franz Schubert..."
(zit,. nach Marina Bohlmann-Modersohn: Paula Modersohn-Becker.
Eine Biographie in Briefen, btb-Taschenbuchausgabe, München
1997, S. 121.)
Am 28. September treffen sich Paula Becker und Rainer Maria Rilke
zu einem Gespräch bei ihr, als eine Freundin dazukommt und
Paula ihr Atelier anbietet, das direkt neben Otto Modersohns Haus
liegt. Rilke notiert später es sei ein "großer Abend"
gewesen. Einige Tage später, am 3. Oktober, schenkt er ihr
folgendes Gedicht:
Du blasses Kind, an jedem Abend soll
der Sänger dunkel stehn bei deinen Dingen
und soll die Sagen, die im Blute klingen,
über die Brücke seiner Stimme briungen
und eine Harfe, seiner Hände voll.
Nicht aus der Zeit ist, was er dir erzählt,
gehoben ist es wie aus Wandgeweben,
solche Gestalten hat es nie gegeben -
und Niegewesenes nennt er das Leben,
und heute hat er diesen Sang erwählt:
Du blondes Kind von Fürsten und aus Frauen,
die einsam warteten im weißen Saal,
fast alle waren bang, Dich aufzubauen,
um aus den Bildern einst auf dich zu schauen:
auf deine Augen, mit den ernsten Brauen,
auf deine Hände, hell und schmal.
Rilke wohnt ab Anfang Oktober wieder 1900 in Berlin-Schmargendorf
und Paula Becker, inzwischen mit Otto Modersohn verlobt, fährt
am 10. Jaunar ebenfalls für sechs Wochen nach Berlin um bei
einer Verwandten richtig kochen zu lernen. Es existiert aus dieser
Zeit ein umfangreicher Briefwechsel zwischen Paula, Rainer Maria
Rilke, Clara Westhoff und Otto Modersohn. Rilke trifft sich oft
mit Paula, geht mit ihr in Museen, liest ihr aus dem "Buch der Bilder"
vor und bringt sie mit Gerhard Hauptmanns neuem Drama "Michael Kramer"
in Kontakt, dessen Generalprobe er am 19. Dezember 1901 gesehen
hat. Irgendwann stellt er fest, daß er noch keines ihrer Bilder
kennt:(Bohlmann-.Modersohn, S. 134ff, 159ff )
"... Da kommt mir ein Bedauern, ich war in Worpswede immer am
Abend bei Ihnen, und dann sah ich wohl da und dort im Gespräch
eine Skizze... bis Worte von Ihnen kamen, die ich gleich sehen wollte,
daß ich meinen Blicken die Wände verbot und Ihren Worten
nachging...
... So sah ich fast nichts von Ihnen, denn Sie haben mir niemals
etwas gezeigt... "
(Bohlmann-.Modersohn, S. 152)
Am 8. Februar, Paula Beckers 25. Geburtstag, schreibt sie an Rilke:
"Es hat Liebe auf mich niedergeströmt, warm und weich und
linde. Nun ist es Abend, und ich sitze in Stille am alten gelben
Schreibpult.... Und ich bin nicht einsam, wirklich nicht. Ich bin
ein glückliches Menschenkind... und seufze schier vor Glück.
Und ich danke jenen Händen, daß sie auch sie an die Hand
nahmen und mir zuführten auf meine grüne Wiese. Und ich
warf Ihnen meinen roten Apfel hin, und Sie legten mir manch süße
Blume in den Schoß und huete auch einen süßen Syringenstrauß...
Und dann kamen Sie selbst, nicht auf meine grüne Wiese, sondern
hinauf auf meinen Turm, was doch so schwer ist und so viele, viele
Mühe macht. Da reiche ich Ihnen dankbar meine beiden Hände
und blicke in Ihre gütigen Augen, und als Empfangender bitte
ich Sie: Bleiben Sie mir so..."
(Bohlmann-.Modersohn, S. 161)
Am 23. März schreibt Paula an eine Freundin, Marie Hill:
"... In unserer Nachbarschaft ist viel Glück. Heinrich
Vogeler kommt in diesen Tagen mit seinem blonden schlanken Mädel
von der Hochzeitsreise heim und Clara Westhoff heiratet in den nächsten
Wochen den Dichter Rainer Maria Rilke, unser aller Freund. Und zu
alledem ist Frühling."
(Bohlmann-.Modersohn, S. 167)
Rilke und Clara Westhoff heiraten am 28. April und ziehen in ein
Nachbardorf Worpswedes, nach Westerwede. Dort hat Rilke ein Haus
gekauft und sein Freund Heinrich Vogeler hat die Innenausstattung
besorgt. Paula und Otto Modersohn haben am 25. Mai ebenfalls geheiratet
und Paula Modersohn-Becker (wie sie nun heißt) registriert
schnell, daß der Kontakt zu ihren besten Freunden abreißt.
Dabei hat die junge Familie Rilke ausgesprochene Geldsorgen. Clara
verdient etwas mehr als nichts durch Schüler und in Worpswede
kann Rilke keine Lyrik verkaufen, obwohl er ständig schreibt
und es den örtlichen Zeitungen anbietet. Selbst eine feste
Stellung würde er annehmen, aber er findet keine. Rilke hat
immer mehr das Gefühl in Westerwede lebendig begraben zu sein.
Am 12. Dezember wird die Tochter Ruth geboren und damit ist klar,
daß etwas passieren muß. Rilke geht nach Paris,
um dort Kontakt zu Rodin zu knüpfen, Clara folgt ihm später.
(Bohlmann-Modersohn, 176f)
Der Haushalt in Westerwede wird nun endgültig aufgelöst
und nach der Rückkehr aus Paris zieht Clara mit Ruth in ein
anderes Nachbardorf, in dem später auch Otto Modersohn wohnen
wird: Fischerhude.
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