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- Juli
1994
- Die drei
Aufführungen des Musicals "Anatevka" sind trotz
anfänglich unüberwindlicher Schwierigkeiten
über die Bühne gegangen, ca. 1400 Leute haben
die Aufführung gesehen, bei der knapp sechzig Kinder
und Jugendliche beteiligt waren. Nach der letzten
Aufführung wird vorsichtig Bilanz gezogen: knapp DM
2000.- für Notenmaterial und Aufführungsrechte,
knapp DM 2000.- für Orchesteraushilfen, ca. DM
1000.- für Werbung, jede Menge Kleinzeug - mit allen
nur denkbaren Zuschüssen und Gesamtkosten von ca. DM
8000.- haben wir gerade mal dreihundert Mark Minus
gemacht,. nicht schlecht. Ein gelinder Ärger kommt
auf, als sich herausstellt, daß ca. ein Drittel der
Chornoten und Klavierauszüge nicht zurückkommt,
und als der Verlag uns die ungefähren Kosten
mitteilt (jetzt sind wir bei DM 3000.- für die
Noten), kommt meiner Frau und mir spontan die Idee: Das
nächste Stück machen wir selbst; schreiben
für die Kinder, die am besten gespielt haben;
schreiben eine Story, die sie selber betrifft. Nun
denn...
-
- August
- Im Urlaub,
zwischen Meer, Kinderdienst und Faulenzen entstehen die
ersten Skizzen: eine Geschichte über
Schülerprobleme und Schulalltag soll es werden.
Meine Frau braucht im Prinzip nur das aufzuschreiben, was
sie täglich in der Schule hört
etwa:
-
- Katja
- Sag'
mal, Ali, was findest du denn besser - Disco oder
Grillen?
- Ali
- Na,
also ehrlich, Disco. Da kommt man wenigstens an Weiber
'ran...
- Melanie
- Darf
die Fatima da denn auch hin?
- Ali
- Klar,
ich bin doch dabei und passe auf, daß sie nicht
mit Jungen 'rummacht. Sie ist doch auch nur ein
Mensch. Und ein bißchen Vergnügen kann sie
ja auch haben.
-
- Es zeichnet sich
das Bild einer ganz normalen Klasse ab:
magersüchtige Mädchen, Jungen mit Machogehabe,
Mädchen zwischen erster sexueller Erfahrung und
Babystrich, Yuppies, denen ihr Äußeres zehnmal
wichtiger ist, als das Innere ihrer Freunde, frustrierte
Eltern und hoffnungsvolle Kinder... irgendwann im August
existieren auf einmal siebzig Seiten Story, ein Dutzend
Songs und als die Schule wieder losgeht, ist klar,
daß wir im September mit den Proben beginnen
werden.
-
- Erzähler
(Sandy)
- Das
hier ist unsere Klasse, die 8b. Die Frey ist unsere
Lehrerin, die ist eigentlich ganz nett. Die Katja, die
sich gerade meldet erzählt unheimlich viel, wenn
sie nicht gerade aufs Klo muß, weil ihr immer
schlecht ist.
- (Katja
geht raus)
- Der
Charly ist der mit der Baseballkappe. Der wird immer
von der Melanie angehimmelt, warum, weiß kein
Mensch. Für mich wär' der nix, viel zuviel
Mann und viel zuwenig Hirn. Dem fällt hier auch
nicht zuviel ein...
- Die
Kim ist ganz okay. Das werdet ihr schon merken. Die
wird sogar von der Frey akzeptiert. Na, ja, gegen die
Kim kann keiner was sagen.
- Dann
schon eher gegen den Schleimi, den mag keiner, weil
der sich immer so den andern an den Darm
schmeißt und versucht nach oben zu kommen. Sonst
gibt's da noch die Carola, unsern Yuppie Stefan,
unsere Türken Ali und Fatima, das Klassenliebchen
Jenny und ein paar andere.
- Ich
bin die Sandy. Aber ich bin heut' nicht da. Hab was
besseres vor.Wir seh'n uns aber wohl noch,
spätestens nach der Schule. So long!
-
-
- September
- In Erinnerung an
"Anatevka" wollen diesmal ca fünfzig Kinder
mitmachen, eine ganze Reihe davon von anderen Schulen.
Erste Anfragen müssen vertröstet
werden:
- "Nein, die
Kulissen brauchen wir erst im nächsten Jahr, ich
merk dich aber vor!"
- "Du willst in der
Band mitmachen? Schön! Noten? Weißt du,
bislang existiert erst ein Klavierauszug. Nein, die Noten
kann man noch nicht kaufen (Warum eigentlich nicht?) Im
Februar hab ich die Schlagzeugstimme,
bestimmt".
- Es findet ein
regelrechtes Casting statt. Pflichtstück für
alle ist ein Rap, der zu einer programmierten
Schlagzeugbegleitung gesprochen werden muß (Tempo
ca. 120). Hier fliegen bereits die ersten Kandidaten aus
dem Rennen, weil sie entweder nicht richtig lesen
können, Probleme mit der Aussprache haben oder nicht
den Sprechrhythmus mit der Schlagzeugbegleitung
zusammenbekommen. Ich muß gestehen, daß ich
die Schwierigkeiten dieses Parts nicht erkannt habe -
besetzt wurde die Rolle erst im Dezember - mit einem
Mädchen, weil es keine Jungen gab, die sich für
eine Rap-Rolle so profilieren wollten - immerhin steht
die Figur des Stefan für lange drei Minuten allein
auf der Bühne, singt und tanzt. Wir hatten einen
Jungen im Gespräch, sah gut aus, konnte tanzen,
konnte rappen - alles was nötig war. Er hat die
Rolle ausgeschlagen, weil er nachmittags in einem
Modegeschäft aushilft, um sich teure Klamotten
leisten zu können - die Realität hat die Satire
überholt.
-
- Notenbeispiel
1:
-
-
- Oktober
- Die Szenenarbeit
läuft - zwar mit hochgehaltenem Textbuch, aber man
kann erkennen, was es einmal werden soll. Der Beleuchter
am städtischen Schauspiel erklärt sich bereit
uns zu helfen und wird uns bei Erstellung einer
Lichtanlage beraten, von der noch nicht abzusehen ist,
wer sie bezahlt und wie sie aussehen wird, aber das wird
vielleicht noch geklärt. Die ersten
Choreographieproben sind gelaufen: da ich die
Tanznotation nicht draufhabe, wird taktweise notiert, was
der Körper umsetzen soll - ein mühsames
Geschäft. Eine P.A. (Tonanlage) ist im
Gespräch: der Verkäufer will DM 1500.-.-
für Mischpult, Endstufen, Boxen, Ständer, das
Schulamt will nur neu einkaufen, obwohl das viermal so
teuer wäre. Der Verwaltung sind Gebrauchtkäufe
von privat einfach suspekt.
- Abends sitze ich
vor dem Computer und arrangiere die Songs
bühnentauglich (Für Nachahmer: Apple Macintosh
System, Notensatz und Sequenzerprogramm "Encore" von
Passport Design, Laserdrucker). Dummerweise kann das
Keyboard nur eine Klangfarbe gleichzeitig wiedergeben, so
daß alles wie schlechtes Klavierspiel klingt. Eine
Anfrage bei der Schulleitung ergibt noch etwas Luft im
Musiketat und so wird noch eine Soundeinheit beantragt,
die - entsprechende Programmierung vorausgesetzt - die
Band beim Probenbetrieb ersetzen wird. Als das Ding
endlich da ist, wird die abendliche Arrangierarbeit zur
Offenbarung und vor lauter Begeisterung programmiere ich
viel zuviel Schlagzeug hinein - es klingt im
Kopfhörer so wie auf CD. Deine
Schlagzeugstimme kann kein Mensch spielen", sagt unser
Schlagzeuglehrer an der Schule, das klingt wie mit
mit einem Drumcomputer programmiert". Weniger ist auch
hier oft mehr...
- Die Besetzung der
Szene ist erstmalig komplett: Die Rollen der Eltern
werden von echten Eltern übernommen und eine Mutter
erklärt sich spontan bereit Regieassistenz zu
übernehmen, und uns damit einen Haufen Arbeit zu
ersparen. Sie weiß eine Holzhandlung, die zwanzig
Prozent Rabatt gibt. Wieviel Holz für Kulissen
benötigt wird, ist noch offen.Wir bekommen jemanden,
der uns ein Bühnenbild entwerfen wird und im
nächsten Jahr wird dann wohl eine weitere AG
"Bühnenbild" die Arbeit aufnehmen.
- Die Stadtregierung
hat gewechselt. Vielleicht bekommen wir nun etwas mehr
Geld.
-
- Kein
Schotter, keine Knete, keine Fete,
- mit
zwanzig Mark ist man nicht stark, ist alles Quark!
- Wir
sitzen hier herum und können uns nichts kaufen,
- zuwenig
Geld, nee, das mißfällt, nee, das
verprellt!
- Geld
----- , Geld -----, Geld regiert die Welt,
- wir
brauchen Money, Pinke, Zaster, Schotter Kies -
- Geld
ist alles, was hier zählt!
- Geld
----- , Geld -----, Geld regiert die Welt,
- wir
brauchen Money, Pinke, Zaster, Schotter Kies -
- Geld
ist alles, was hier zählt!
- Egal,
ob Kino, Kaufhof, Coca-Cola,
- kein
Bargeld lacht und keiner gibt uns mehr Kredit.
- Die
Freunde woll'n ihr Geld zurück, doch wir sind
pleite:
- Kein
Geld in Aussicht, sagt, was ist der nächste
Schritt?
- Geld
----- , Geld -----, Geld regiert die
Welt...
-
- Mach
ich ''nen Bruch, beklau' ich dich oder
bescheiße'?
- Klau
ich im Aldi oder brech' ein Auto auf?
- Mops
ich am Ersten meiner Oma von der Rente,
- oder
verramsch ich Papas Sprit im Ausverkauf?
-
- Geld
----- , Geld -----, Geld regiert die
Welt...
-
- Was
soll der Jammer, nein, bei uns ist nichts zu holen!
- Wir
haben nichts, das ändert sich auch nicht
sogleich!
- Es
gibt kein Abo und kein Recht auf reichlich Kohlen,
- wer
Geld will, heiratet am besten möglichst reich:
- Dann
hast du Geld, Geld, und regierst die Welt,
- dann
hast du Money, Pinke, Zaster, Schotter, Kies -
- Macht
ist alles was dann zählt.
-
-
- November
- Die Tonanlage ist
bezahlt und wird geliefert. Nun kann vom Computer die
Soundeinheit angesteuert werden, sie wird von der P.A.
verstärkt und der erste Höreindruck ist nicht
schlecht. Kleinere Korrekturen sind noch nötig, aber
wir können endlich vernünftig proben (ich bin
doch so ein schlechter Pianist...) Der Probenbesuch wird
bei den ersten Mädchen unregelmäßig - als
ich sie daraufhin anspreche, schmeißen sie alles
hin und erklären, es würde ihnen zuviel. Noch
ist die Reserveliste ausreichend, allerdings müssen
wir in vielen Szenen wieder von vorne beginnen ( 31
Szenen und Songs). Ein anderer Vater organisiert uns
Requisiten aus Styropor und als das größte
Stück, eine Plakatsäule, nicht in unseren
Familienbus paßt, besorgt er auch noch einen LKW
und Leute, die uns das Ding auf die Bühne stellen.
Die Termine stehen fest: in der ersten Juliwoche wird
ganztägig geprobt, Hauptprobe am 6.7., Generalprobe
(öffentlich) am 7.7., Uraufführung am 8.7. und
danach drei Aufführungen. Die ersten Musiker werden
engagiert.
-
- Dezember
- Beim Tag der
offenen Tür soll eine Probe gezeigt werden. Als wir
den Song Geld" proben sitzen ca fünfzig Leute
im Zuschauerraum und es herrscht eine Art Happening. Die
Choreographie ist ganz leidlich, aber das gleichzeitige
Singen und Tanzen klappt noch nicht so recht. Man kann
nicht alles haben...Bei einer Solonummer ist unsere
Melanie nicht da, weil sie angeblich zur
Französischstunde soll, die Lehrerein sagt mir dann
später, sie wäre nicht in ihrer Stunde gewesen,
weil sie ja im Musical gewesen wäre. C'est la
vie.
- Am nächsten
Freitag bin ich im Schauspielhaus und habe
frühmorgens eine Unterredung mit dem Beleuchter. Er
macht mir Vorschläge über eine kleine
Lichtanlage und mit ein bißchen Hilfe der Direktion
ist sicherlich einiges zu machen. Im Hinterkopf habe ich
die Bereitschaft eines Förderverbandes, der ein
Lichtmischpult bezahlen würde (bis 4500.- darfst du
gehen, weiter nicht). Vielleicht kriegen wir von
dem Hersteller noch ein bißchen mehr" sagt der
Beleuchter, die verdienen so viel an uns, da sollen
die für euch auch mal etwas umsonst
tun!"
- Mittlerweile haben
wir eine dreiviertel Stunde Musik und anderthalb Stunden
Text.
-
- Januar
- Die
AG-Bühnenbild beginnt mit ihrer Arbeit. Wir haben
uns im Schwimmbad (schon seit einigen Jahren ohne Wasser,
wg. Kostensparen) eingerichtet und an einem Nachmittag
werden die ersten Kulissen, sechs Podeste
zusammengeschraubt. Das Geld für das Holz stammt aus
Landesmitteln. Vier Kinder und drei Eltern sind es jetzt,
ein weiteres Dutzend Kinder wartet auf genaue
Malaufträge , Farbe und weiteres
Material.
- Der Klavierbauer
liefert die überholte Tastatur, stellt sie noch ein.
Endlich wieder ein Klavier in der Aula (obwohl ich so
schlecht spiele).
- Ich fahre mit
unserem Hausmeister Farbe kaufen. Dreihundertfünfzig
Mark haben wir aus diversen Kanälen aufgetrieben. Es
reicht für das Weißen des
Bühnenhintergrunds und das Lackieren der sechs
Podeste, die unser Allbaumittel fürs Bühnenbild
sind: sechs mal Schulbänke oder, aufeinandergebaut,
die Mauer, an der sich die Clique trifft, oder das Bett
im Krankenhaus oder...
-
- Die
Bühnenbild-AG hat mittlerweile die Rückwand der
Bühne komplett geweißt, so daß wir mit
projezierten Dias arbeiten können. Damit müssen
nicht mehr alle Szenen gemalt werden, sondern wir
können die Motive, die wir brauchen, fotografieren
und auf die Rückwand werfen.Die Podeste sind tritt-,
kratz- und tanzfest lackiert.
- Die zweite
Hauptrolle muß umbesetzt werden, Sarah hat einen
neuen Stundenplan bekommen und kann nicht mehr kommen.
Schade!
- Lokaltermin in der
Aula mit Beleuchter, Schulleitung und Hausmeister: die
vorhandenen Stromanschlüsse sind stark genug (63
A/380 V) um professionelles Licht zu versorgen. Unser
Beleuchter (sein Sohn geht bei uns auf die Schule) wird
uns den Schaltkasten neu verdrahten und uns mit allem
aushelfen, was wir brauchen, wenn uns die Stadt im Stich
lassen sollte. Der Sohn wird uns das Licht fahren und das
Mischpult ist finanziert und kann bestellt werden.
Erfreulich!
- Die ersten
Sponsoren werden aufgetrieben: wir werden ein
Programmheft erstellen , bzw. erstellen lassen
(Zeitungs-AG), in dem Sponsoren inserieren können.
Damit lassen sich ca. DM 2000.- einnehmen, wenn wir
konsequent aquirieren. Kinder können beim
Hereinholen von Anzeigenaufträgen sehr
überzeugend sein. Wir brauchen noch mehr Holz", sagt
die Assistenz, versuch noch Geld aufzutreiben!"
Haha!
- Mittlerweile sind
alle Szenen durchgeprobt, alle Songs (fast) fertig
arrangiert, wir können ab jetzt zumindest einen Akt
pro Probe durchlaufen lassen und damit bleibt noch genug
Zeit für Choreographie und Einzelregie. Barbara
(Regieassistenz) ist Gold wert: Susanne und ich
würden die ganzen Details alle vergessen, wenn sie
nicht aufgeschrieben würden. Die Partitur
umfaßt jetzt ca 350 Seiten.
-
- Februar bis
Juli:
- Während
dieses Heft gedruckt wird (MuU
33/95, S. 19-21. © 1995),
sind noch folgende Dinge zu erledigen:
-
- Entwurf des
Plakats, Herstellung, (Sponsor?), Aushang bzw. Deutsche
Städtereklame.
- Erste Proben mit
der Rhythmusgruppe und den Bläsern
- Streicherproben.
- Arbeit mit den
Solisten,
- Finanzkalkulation
für Förderverein (soll Gagenanteile und
Material bezahlen), Landesverband (soll Gagen und Werbung
bezahlen) und Abendkasse (muß den Rest
erbringen),
- Differenzierte
Probenpläne für die Zeit ab April,
Lichtinstallation, Bedienungseinweisung, erste
Lichtproben,
- Presseinfos
für Zeitung und Lokalfunk, Organisation von Video
und Audioaufnahme ( eigentlich könnten wir auch
Mitschnitte verkaufen...)
- Premiere wird am
8. Juli '95 sein, Folgeaufführungen am 9. bis 11.
Juli. Das Casting für das nächste Projekt hat
schon begonnen...
- Aber ich denke,
wir werden es irgendwie schaffen!
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