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Die französische Revolution 1789
Mehlkrieg und Krise 1775 - 1789
von Martin Schlu - Stand: 23. November 2004

zurück - 1775 - 1786 - 1787 - 1788 - 1789 - zum Absolutismus - weiter
  
 
1775 - Seitenanfang - 1775 - 1786 - 1787 - 1788 - 1789
Im "Mehlkrieg" kämpfen weite Teile der Bevölkerung um geringere Mehl- und Brotpreise, als ein Sack Mehl mit über 24 Livre mehr als einen Monatsverdienst kostet (ein Lamm wird mit acht Livres gehandelt). Es kommt zu Plünderungen von Mühlen und Geschäften in über 200 Dörfern rund um Paris. Als in der Hauptstadt 1300 Bäckereien geplündert werden, schickt der König 25.000 Soldaten gegen die Armen los und beendet den Kampf ums Mehl. Immerhin wird human beendet: es kommt nur zu Galeerenstrafen für zwei Anführer und der Mehlpreis wird ab sofort staatlich kontrolliert. Trotzdem hat der König seine erste innenpolitische Krise verloren.
 
 
1786 - Seitenanfang - 1775 - 1786 - 1787 - 1788 - 1789
Finanzminister Calonne schlägt dem König vor, sämtliche Binnenzölle abzuschaffen um die Wirtschaft zu beleben und die Verfassung grundlegend zu reformieren. Alles andere sei zu gefährlich oder nicht zu bezahlen. Der König würde dies auch annehmen, muß aber diese Idee von Eliten des Landes absegnen lassen - zuletzt hat dies Kardinal Richelieu 1626 probiert. Es kommt auch zur Versammlung von 144 Hochadeligen und Geistlichen, doch der - wirtschaftlich vernünftige - Plan fällt durch, weil Adel und Klerus keines ihrer Privilegien aufgeben wollen, obwohl gerade beim Klerus der Unterschied zwischen armen Priestern und vermögenden Prälaten immens ist. Damit hat der König keinen Spielraum mehr.
 
1787 - Seitenanfang - 1775 - 1786 - 1787 - 1788 - 1789
Intellektuelle wie Voltaire (1694-1778) oder Diderot (1713-1784) haben schon früher auf die Notwendigkeit politischer Veränderungen hingewiesen. Nun werden ihre Theorien der Glaubensfreiheit und der Demokratie immer häufiger öffentlich diskutiert und Calonnes Reform wird vom Dritten Stand grundsätzlich begrüßt. Die Verteidiger der Privilegien dagegen finden Unterstützung bei Marie-Antoinette, die wiederum setzt sich bei Ludwig XVI. durch, der Finanzminister wird entlassen und die zweite Chance zur Reform (nach Ludwig XV:) wird auch vertan. Der Erzbischof von Toulouse wird neuer Finanzminister - und präsentiert die Idee Calonnes als seine eigene - mit dem gleichen Resultat: auch er hat keine Chance gegen den Ersten und Zweiten Stand.
 
1788 - Seitenanfang - 1775 - 1786 - 1787 - 1788 - 1789
Bei einer Steuererhöhung auf Drucksachen weigern sich die "parlements" dem König ihre Zustimmung zu geben und lösen den Affront gegen den König aus. Dieser entzieht den "parlements" das Registrierungsrecht und beurlaubt alle zwölf Einrichtungen im Land. Da der König ohne die Stände aber nicht an frisches Geld (aus Anleihen) kommt, beruft er im August, seit 1614 das erstemal, die drei Generalstände für den Mai 1789 nach Paris ein, um mit ihnen über den drohenden Staatsbankrott zu beraten.
Von etwa 1200 Standesvertretern kommen 800 nach Versailles. Die Vertreter des Dritten Standes müssen alle schwarz gekleidet sein, damit klar wird, daß sie allen anderen Ständen untergeordnet sind und nichts zu sagen haben. Bei der Prozession zur Kirche wird aber ihnen und dem König zugejubelt, vom Klerus hält man nichts, vom Adel ebensowenig und die Königin Marie-Antoinette ist als Ausländerin verhaßt. Bei Ludwig erkennt man an, daß er seinen Teil zum Sparen beiträgt, er lebt wesentlich genügsamer als sein Vorgänger und hat nur deshalb überhaupt noch eine Chance von der Bevölkerung auch in Notzeiten akzeptiert zu werden.
 
Das Hauptproblem wird die Stimmberechtigung bei Abstimmungen werden: nach dem 1614 geschehenen Modus hatten alle Stände gleiche Stimmen, was bedeutete, daß der Erste und Zweite Stand überproportional viel zu sagen hatten: Adel und Klerus hatten mit 400.000 Menschen genausoviel Stimmrecht wie die restlichen 27 Millionen des Dritten Standes.
 
Eine neue Gruppe bildet sich, die "Gesellschaft der Dreißig" zu der Intellektuelle und Honorationen wie Graf Mirabeau. Diese Gruppe fordert Gleichheit vor dem Gesetz, pro Kopf eine Stimme und damit das Ende des Absolutismus. Der König gibt im Dezember scheinbar nach und verdoppelt die Zahl des Abgeordneten des Dritten Standes, damit stehen sie zwar besser da als vorher, aber sie sind natürlich immer noch ungerecht repräsentiert und politische Macht hat der Dritte Stand damit längst noch nicht. -
 
Als Folge mehrerer Mißernten und strenger Winter (besonders 1788/89) steigt der Brotpreis so hoch, daß eine Familie mit einem normalen Einkommen nicht mehr satt wird. Unvergessen die Anekdote über die französischen Königin Marie-Antoinette, auf die Frage, warum denn die Leute demonstrierten? "Madame", sagte man ihr, "die Leute haben kein Brot!" - "Dann sollen sie doch Kuchen essen!" , ist als Ausspruch überliefert und das Verkennen der Realität außerhalb des Schlosses Versailles kostet sie später auch ihren hübschen Kopf.
 
Dazu ein Hinweis von Benjamin Blume mit herzlichem Dank für die Fundstelle:
Um ihren Ruf zu schädigen, wurde unter anderem das folgende Gerücht in Umlauf gebracht: Sie habe auf die Vorhaltung, die Armen könnten sich kein Brot kaufen, geantwortet: „Wenn sie kein Brot haben, dann sollen sie Brioche [Kuchen] essen." Dieser Ausspruch stammte nachweislich nicht von ihr. Er wurde von Jean-Jacques Rousseau bereits Jahre vor Marie Antoinettes Thronbesteigung 1774 erfunden bzw. um 1766 zitiert. Im vierten Buch seiner 1770 vollendeten und 1782 veröffentlichten Bekenntnisse findet sich die Stelle „Endlich erinnerte ich mich des Notbehelfs einer großen Prinzessin, der man sagt, die Bauern hätten kein Brot, und die antwortete: Dann sollen sie Kuchen essen!". Es handelt sich offensichtlich um eine Wanderanekdote, die schon der ersten Frau von Ludwig XIV. vorgeworfen wurde.
http://de.wikipedia.org/wiki/Marie_Antoinette
 
 
1789 - Seitenanfang - 1775 - 1786 - 1787 - 1788 - 1789
Ende Januar gibt der König die Modalitäten der Wahl bekannt, parallel erfolgt die Wahl der Deputierten. Diese ist schon fast demokratisch: Jeder Mann über 25, der auf der Steuerliste steht, darf wählen, also gut sechs Millionen. Dies sechs Millionen wählen die Deputierten ihres Standes: 291 für den Klerus, 270 für den Adel, 600 für den Dritten Stand. Nur was die Deputierten zu sagen haben, ist noch nicht klar.
Diese Deputierten eröffnen am 5. Mai in Versailles die Generalversammlung aller Stände. Es muß ähnlich wie ein Partteitag gewesen sein, freundliche Worte, ein dreistündiger Sachbericht zur Finanzsituation, den kein Mensch versteht und dann, am Nachmittag, schließt der König die Versammlung, ohne daß etwas passiert ist oder ohne daß die Deputierten wissen, ob, oder was sie beraten sollen. Am nächsten Tag kommt die Order des Königs, man möge nach Ständen getrennt beraten. Der Dritte Stand trifft sich inoffiziell und lädt nach ein paar Tagen die Kollegen des ersten und zweiten Standes zu einer "Députes de communes" , also einer Art Nationalversammlung ein (die Engländer haben dies mit dem "House Of Common" schon seit 1601). Man überlegt Tage und Wochen hin und her, zwischendurch stirbt der Thronfolger an Tuberkulose, und am 19. Juni gründet sich endlich aus den Generalständen die Nationalversammlung und nennt sich legitime Vertretung Frankreichs - ein Affront gegen den König, der seine Herrschaft ja auf das "Gottesgnadentum" beruft.
 
Am 20. Juni möchte die neue Nationalversammlung wieder zusammentreffen , doch die Soldaten des Königs versperren den Zugang. Der Arzt Guillotin (dessen Erfindung einer angeblich fast schmerzfreien Hinrichtungsmethode später noch eine wichtige Rolle spielen wird), schlägt vor, in das nahegelegene und leerstehende Ballhaus auszuweichen. Dort kommt es zum "Ballhausschwur", bei dem die Abgeordneten geloben, erst wieder auseinanderzugehen, wenn eine neue Verfassung ausgearbeitet und beschlossen ist. Als der König Tage später, dem Ersten und Zweiten Stand befiehlt, sich dem Dritten anzuschlißen, hat er die Nationalversammlung im Prinzip akzeptiert. Würde er jetzt noch einlenken und Macht abgeben, könnte Frankreich eine Art demokratische Monarchie erreichen , wie es sie in England gibt, aber davon ist Ludwig weit entfernt.
 
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Quellen:
Geo-Epoche Nr. 22: Französische Revolution, Gruner+Jahr, Hamburg 2006
Zeit.