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Kulturgeschichte - 19. Jahrhundert


   
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erstellt von Martin Schlu, April 2004

Vormärz und NationalismusSchimmelreiter


Theodor Storm
Der Untergang von Rungholt 1362

Zum Text Übersicht Schimmelreiter

Meer

"Eine Gegend von der es zweifelhaft ist, ob sie zum Land oder zum Meer gehört. Dort bewohnt ein beklagenswertes Volk hohe Erdhügel, die mit Händen nach Maßgabe der höchsten Flut errichtet sind; in den so erbauten Hütten gleichen sie Seefahrern, wenn das Wasser das umliegende Land bedeckt, Schiffbrüchigen, wenn es zurückgetreten ist, auf die zugleich mit dem Meere zurückweichenden Fische machen sie um ihre Hütten herum Jagd. Es ist ihnen nicht vergönnt, Vieh zu haben, sich von Milch zu ernähren, wie ihre Nachbarn, ja nicht einmal mit wilden Tieren zu kämpfen, weil jegliches Buschwerk fehlt. Aus Schilfgras und Binsen flechten sie Stricke, um Netze für die Fische daraus zu fertigen, und indem sie den mit den Händen ergriffenen Schlamm mehr am Winde als an der Sonne trocknen, erwärmen sie ihre Speisen und die vom Nordwind erstarrten Glieder durch Erde. Zum Trinken dient nur Regenwasser, das im Vorhof des Hauses in Gruben gesammelt wird."

Plinius der Ältere, der als römischer Offizier das Land kennen lernte

"Ich bin heut' über Rungholt gefahren,
die Stadt ging unter vor 600 Jahren",

schrieb Detlef von Liliencron 1882 , als er in der Gegend des Wattenmeeres unterwegs war. Sein Gedicht hat einen historischen Hintergrund, der auch in Storms "Schimmelreiter" die wesentliche Rolle spielt: Der größte Teil des Wattenmeeres liegt in einem Bereich von ca zwei Metern Tidenunterschied (Differenz zwischen Ebbe und Flut). Ursprünglich war die Gegend der heutigen Halligen und der Inseln Föhr, Pellworm und Nordstrand ein zusammenhängendes Gebiet, die "Uthlande" und dies Gebiet wurde seit ca 1000 v. Chr. besiedelt.

In großem Stile wurde Torf gestochen, dem in einem komplizierten Verfahren das Salz entzogen wurde. Durch die Torfstecherei und den Handel mit dem gewonnenen, sehr wertvollen Salz wurden die Bewohner der Marschlande im Laufe der Jahrhunderte zwar sehr reich:

"Rungholt ist reich und wird immer reicher,
kein Korn mehr faßt selbst der größte Speicher."

gruben sich aber immer tiefer unter den Meeresspiegel. Hinzu kam eine stetige Absenkung, weil das Rungholter Gebiet auf einer eiszeitlichen Schmelz-Wasserrinne lag, die im Laufe der Jahrhunderte absackte. Die Sturmflut vom 16. Januar 1362, die "grote Manndränke", war deshalb stark genug, die große Insel zu zerschlagen, die Stadt wegzuwischen und bis zu 8.500 Inselbewohner zu ertränken. Über siebzig Dörfer sollen damals vernichtet worden sein. Diese Katastrophe hatte bislang die schwersten Folgen, die Küstenlinie wurde total verändert, Husum - ursprünglich eine Binnenstadt, lag auf einmal am Wattenmeer, die ehemalige Halbinsel "Strand" wurde vom Festland getrennt (inn der Flout von 1632 sogar durch die Strömung regelrecht zerrissen) und die äußeren Teile Pellworm und Nordstrand waren über Nacht Inseln geworden. Auch wenn die Katastrophe einige tausend Menschenleben kostete, die Zahl von 200.000 Toten, die in manchen Quellen herumgeistert, wurde nicht erreicht. Dazu waren die friesischen Dörfer zu dünn und zu langgezogen besiedelt. Selbst heute wohnen auf keiner Hallig mehr als 200 Menschen, auf einer sogar nur eine Familie im Sommer. Mittlerweile gehen die Forscher von 2.000 - 8.500 Toten aus.

Karte 1 Karte 1
Karte 1 Karte 1

Karte des Kartographen J. Meier (1680) mit den Gebieten von 1240

Karte 2 Karte 2
Karte 2 Karte 2

Karte des Kartographen J. Meier (1680) mit den Gebieten von 1651. Man erkennt die verlorenen Flächen

Noch heute suchen "Rungholt-Forscher" mehr oder weniger seriös im Gebiet zwischen Pellworm und der kleinen Hallig Südfall nach Spuren der Stadt. Bislang wurden zwar Kulturspuren wie Brunnenreste, Ackerfurchen, Reste von Gefäßen und Gräben gefunden, aber erst der Heimatforscher Andreas Busch begann ab ca. 1920 eine systematische Suche und fand im Mai 1921 Überreste einer Schleuse. Historisch ist über Rungholt wenig belegt. Es gab eine Kirche mit kleinen Wohneinheiten und die Rungholter handelten nicht nur mit Hamburg, sondern auch mit Flandern und dem Rheinland. Hauptexportartikel war das aus dem Torf gewonnene Salz. Aus diesem Grunde gehen die Forscher auch von einem überdurchschnittlichen Wohlstand aus. Immerhin waren die Steuersätze Rungholts die höchsten der Region, abgesehen davon hatte nur Rungholt einen Schiffsanleger, der ständig angefahren werden konnte. Rungholt war damals eine mittelalterliche Metropole und eine Testamentsurkunde von 1345 nennt Richter und Ratsleute des "Kirchspiels von Rungholte" als Erben eines Vermögens.

Verschiedene Teile aus den untergegangenen Kirchen wurden geborgen und in andere Kirchen überführt. So hängt z. B. in der Ev. Luth. Kirche in Friedrichstadt die kleinste Glocke (e) aus der untergegangenen Kirche von Lith ,die 1624 gegossen wurde, außerdem Taufstein und die Kanzel, die nach der Katastrophe geborgen werden konnten.

Nachdem Rungholt untergegangen war, wurde der Torfabbau und der Salzhandel dennoch weitergeführt. Zusammenhänge zwischen ihm und dem dadurch gestiegenen Flutrisiko wurden damals noch nicht erkannt. So gibt es das Angebot an die Hamburger Kaufleute, zum Salzhandel doch im Hever-Strom zu ankern, von dort aus könne man mit flachen Booten die Warften erreichen. Auch heute noch ist dieser Strom deutlich zu sehen, nördlich und südlich fließt er an der Hallig Südfall vorbei. Auf den Rundfahrten über das Wattenmeer gilt die Gegend um die Hallig Südfall als Touristenattraktion und jährlich veranstaltet die Insel Pellworm die "Rungholt-Tage"

Textausschnitt von Theodor Storm: Eine Halligfahrt

Benutzte Quellen:

http://www.wissen.swr.de/sf/begleit/bg0011/gm08j.htm
http://www.schule-spreitenbach.ch/quak/rung.htm
http://www.sh-tourist.de/radderge/sagen/rungholt.htm
Die Sturmfluten der Vergangenheit
http://www.uni-kiel.de/ftzwest/ag5/AG5_Expo_TRUTZ.htm