Homepage Martin Schlu Darmstadt - Weltkulturerbe „Mathildenhöhe“
Texte und Fotos: Martin Schlu,    Stand: 7. Juni 2026

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Darmstadt

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Darmstadt ist nicht eine Ansammlung von Proktologen, sondern hat seinen Namen vom mittelalterlichen „Darmundestat“ , was entweder bedeutet, daß die Stadt nach einem gewissen „Darmund“ (männlicher Name)
benannt wurde oder nach dem mittelalterlichen  Wort für eine Siedlung an einem befestigten Durchgang. Genaues weiß man nicht. Tatsächlich ist Darmstadt eine Wissenschaftsstadt und hat sich von einem mittleren Dorf mit tausend Einwohnern (um 1600) zweihundert Jahre später auf 10.000 Ew. verzehnfacht und bis ca. 1935 noch einmal verzehnfacht, so daß die Stadt seit den 1930er Jahren als Großstadt gilt. Heute hat sie ca. 165.000 Einwohner.

Historisch gehörte die Stadt seit 1567 zum Besitz des Landgrafen Moritz von Hessen (das war der, der den jungen Heinrich Schütz in Venedig ausbilden ließ)  und 1806 wurde sie Hauptstadt des Großherzogs von Hessen-Darmstadt. Das muß man nicht alles wissen, aber der letzte Großherzog, Ernst-Ludwig von Hessen-Darmstadt schrieb Geschichte, weil er ab 1899 die Mathildenhöhe schaffen ließ, die heute Weltkulturerbe ist. Ihr Symbol in der Kunstwelt ist die Spitze des sogenannten „Hochzeitsturms“, ein Musterbeispielt des Jugendstils.

Die Spitze des Darmstädter Hochzeitsturms - ein Wahrzeichen der Stadt.
Die Spitze des Darmstädter Hochzeitsturms - ein Wahrzeichen der Stadt

Der Hochzeitsturm kann besichtigt werden und es gibt sogar einen Lift. Mit ihm kann man das Vorbereitungszimmer im 4. Stock erreichen, das Trauzimmer im sechsten Stock und ganz oben hat man eine Aussicht bis etwa 20 km entfernten Frankfurter Skyline im Norden, den 10 km entfernten Rhein im Westen und jede Menge Wald. Bevor man den Eintritt zahlt, blickt man auf das Mosaik des Liebespaares, das etwa fünf Meter lang ist und nur in eine Kamera mit Weitwinkeloptik paßt. Wer keine Kamera dabei hat, kann den zentralen Kuß auf Kaffeebechern, Halstüchern, Bierseideln und Hochzeitsbechern mitnehmen.

Die Mosaike im Hochzeitsturm veranschaulichen eher die Länge der Hochzeitsnacht
Die Mosaike im Hochzeitsturm veranschaulichen eher die Länge der Hochzeitsnacht

Im Vorbereitungszimmer stehen jede Menge Hochzeitsbecher, die man für einen nicht unerheblichen Betrag kaufen kann. Diese Becher sind eine Spezialität, weil man - am Ende der Trauzeremonie - zusammen daraus trinkt. Das klappt nur, weil die beiden Gläser durch ein Gelenk miteinander verbunden sind, damit es nicht schwappt. Ich hätte damals wahrscheinlich den Rotwein auf das Brautkleid schwappen lassen, bin aber auch ohne ihn ein paar Jahrzehnte verheiratet.

Zum Ausstellungsgelände gehört die russische Kapelle aus einer Zeit, in der russische und deutsche Herrscher miteinander verwandt waren und sich regelmäßig besuchten - mit und ohne Knatsch innerhalb der Familie. Der letzte (1917 abgesetze und 1918 ermordete) Zar Nikolaus II. ließ sie 1897 als Privatkapelle bauen, weil er bei seinen Verwandtenbesuchen nicht auf russisch-orthodoxe Gottedienste verzichten wollte, denn er war tief religiös. Nikolaus war mit fast allen Herrscherfamilien Europas verwandt: Seine Mutter Dagmar war die dänische Königin, er selbst war Vetter des britischen Königs Georg V.,  des norwegischen Königs Haakon VII., des dänischen Königs Christian X. und des griechischen Königs Konstantin I. Seine Tante Anastasia (Tochter des Zaren Iwan V. ) hatte in die deutsche Hohenzollern-Familie eingeheiratet und war Mutter der Kronprinzessin Cecile, die damit seine Kusine war. Als die 1904 den deutschen Kronprinz heiratete, wurden der russische Zar und der deutsche Kaiser auf einmal eine Familie.  Nikolaus war aber nebenbei schon ein Neffe dritten Grades dieses deutschen Kaisers, ein Ergebnis der Heiratspolitik Queen Victorias, deren Nachkommen überall in Europa auf den Königs- und Kaiserthronen hockten.

Europas Regierungen waren nie wieder so eng verwandt wie in dieser Zeit - es hat nur nichts genützt.

Die russiche Kapelle auf der Mathildenhöhe in Darmstadt
Die russiche Kapelle auf der Mathildenhöhe in Darmstadt

Die Kapelle ist auch in Betrieb. Der Priester sagte mir am Mittag, wann ich wiederkommen könnte und als ich zwei Stunden später wieder aufkreuzte, war die Kapelle voll. Russische Frauen unterhielten sich, tranken Tee, lasen ihren Kindern vor und die Kapelle wirkte wie eine friedliche russische Enklave - Putin hin oder her.

1901 waren die Häuser der Künstlersiedlung fertig worden und dienten in der neu eröffneten Ausstellung als Musterhäuser für Kaufwillige. Neu war, daß die Künstler nicht nur die Häuser entworfen hatten, sondern auch das komplette Inventar mit Vorhängen, Tapeten, Geschirr und Haushaltsgegenständen. Alles konnte man hier bei den Künstlern bestellen und die lieferten die nächsten Jahre ganz ordentlich. 1904 fand eine zweite Ausstellung statt und nun wurde etwas sparsamer gebaut und es entstanden regelrechte Hausensembles wie die „Dreihäusergrupe  - alle etwas anders, jedes individuell. Hier ist der Architekt Joseph Maria Olbrichs zu nennen, der maßgeblich für den Stil war, den man z. B. am „Oberhssischen Haus“ sehen kann, das 1908 fertig wurde.

Das Oberhessische Haus am Weg zur Mathildenhöhe
Das Oberhessische Haus am Weg zur Mathildenhöhe

Die Häuser sind natürlich heute alle noch bewohnt, doch vieles ist nicht mehr erhalten, weil 1944 Darmstadt bei einem Luftangriff schwer zerstört wurde. Beim späteren Wiederaufbau nach dem Krieg ging Wohnungsbau vor Denkmalschutz und der Jugendstil galt damals auch eher als altmodisch. Man wollte lieber modern bauen - etwa so wie in Köln oder Hamburg, die durch den Wiederaufbau ab 1945 eine zweite Zerstörung der Stadt hinnehmen mußten. Wenn später restauriert wurde, ging dabei viel Originalsubstanz verloren, doch einige Details haben überlebt.


Quelle: Gespräch zwischen Renate Charlotte Hoffmann und Florian Siebeck „Finanziell war das ein Desaster“. Bericht zum 125 Jahrestag der Küstlerkolonien auf der Mathildenhöhe, Frankurte Allgemeine SonntagsZeitung vom 7. Juni 2026, S. 32


Die Edelstahlskulptur von Tony Cragg wird wohl kein Wahrzeichen der Mathildenhöhe sein, weil sie hier nicht auf Dauer steht.




Das Hundertwasserhaus in Darmstadt ist nicht so bunt wie das in Wien, aber auch hier sind keine zwei Fenster gleich.


Darmstadt-Krimis
Auch in dieser Stadt wird gemordet, ermittel und spannend aufgeklärt:

Michael Kibler: Schattenwasser, Piper-Verlag, München/Berlin 2010. ISBN 978-3-492-25906-4
Dieser Krimi ist in die Jahre gekommen. Das merkt man an Stellen, an denen Barack Obama als Hoffnung für Amerika dargestellt wird und an Beschreibungen der Kommunikation dieser Zeit, die für unsere Enkel kurz vor der Steinzeit liegen. Sei's drum. Die Story ist gut und man kann beim Lesen entspannen - auf der Mathildenhöhe oder auch woanders.

Es gibt noch etliche weitere Krimis von ihm. Näheres weiß der Buchhandel - nicht nur in Darmstadt.

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