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Vormärz und Nationalismus
Theodor Storm: "Schimmelreiter"
Textvergleich und Historie
Zum Text
Übersicht Schimmelreiter
Der Schimmelreiter (schleswig-holsteinische Sage)
Vor langen, langen Jahren geschah es einmal, da nach einem strengen
Froste im Februar plötzlich starkes Tauwetter einsetze. Dazu
gesellte sich ein furchtbarer Nordwest, der die grimmen Wogen mit
gewaltigen Eismassen gegen den Eiderstedter Deich trieb. Die Einwohner
sahen voll Angst dem kommenden Unglück entgegen. In der Nacht
war der Deichgraf auf seinem Schimmel mit den Deichleuten zu einer
gefährdeten Stelle geritten und gab ruhig und wohlgemut seine
Befehle. Aber ob viele fleißige Menschenhände gleich
rastlos arbeiteten, um einen Deichbruch zu verhindern, so mutße
der Deichgraf doch erkennen, da das Mühen auf die Dauer vergeblich
war. Er befahl, in einiger Entfernung den Deich durchzustechen und
die Wogen freiwillig einzulassen, damit kein größeres
Unheil angerichtet würde. Die Deichleute waren starr vor Entsetzen
und weigerten sich; da fuhr er sie zornig an: »Ich trage die
Verantwortung, und ihr habt zu gehorchen.« Mürrisch führten
sie den Befehl aus, aber als die See brausend durch den Deich brach
und immer größere Landflächen bedeckte, flammte
der Zorn der Friesen auf, und sie bedrohten den Deichgrafen mit
schrecklichen Verwünschungen. Der aber gab seinem Schimmel
die Sporen, und Roß und Reiter stürzten in die Brake
hinab und wurden nicht mehr gesehen. Alsbald schlossen mächtige
Eisschollen den Durchstich, auch legte sich der Sturm, und die Wasser
traten langsam zurück an die Ufer.
Manchmal haben nächtliche Wanderer einen Reiter auf einem Schimmel
aus dem Bruch hervorkommen sehen. Das ist der Deichgraf, der noch
immer an stürmischen Tagen wiedergeht und den Deich entlang
reitet, als wolle er die Menschen vor einem nahen Unglück warnen.

Storm hatte 1838 eine Vorlage gelesen oder gehört, die in
"Pappes Lesefrüchten" abgedruckt war
(Lesefrüchten vom Felde der neuesten Literatur
des In- und Auslandes. (Ernsten und fröhlichen Inhalts.) Gesammelt
von J.J.C. Pappe, Jahrgang 1838, Zweiter Band. Hamburg, 1838, S.
125-128. ).
Jahrzehnte später, als er den Schimmelreiter bearbeiten wollte,
konnte er trotz aller Bemühungen nicht mehr an die Ausgabe
kommen und schrieb die Novelle im Prinzip so, wie er sie Jahrzehnte
früher gehört oder gelesen hatte. Die Ähnlichkeiten
sind frappierend.
Text der "Pappe"-Ausgabe
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