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Kulturgeschichte - Barock


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Johann Sebastian Bach 1685 - 1750
Von Arnstadt bis Weimar 1703 - 1708
erstellt von © Martin Schlu - Stand: 20. Oktober 2008

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1705 - 1706 - 1707 - 1708
 
 
 
1703 - Seitenanfang
Am 3. Juli ist es soweit: Bach führt die Orgelinspektion der neuen Orgel von Johann Friedrich Wender in Arnstadt durch (23 Register, zwei Manuale, Pedal), kombiniert sie gleich mit einer Solovorstellung vor dem Stadtrat und der ist so beeindruckt, daß die Stelle erst gar nicht weiter ausgeschrieben wird, auch keine anderen Bewerber eingeladen werden und Bach zum 9. August 1703 seinen Dienst als Organist antritt. Jährlich bekommt er insgesamt 84 Gulden, mehr, als sein Großonkel in fünfzig Jahren in Arnstadt je verdient hat und auch mehr, als sein älterer Bruder in Ohrdruf. Sein Arbeitsumfang entspricht etwa einer heutigen C-Stelle und Bach hat ausgiebig Zeit zum Üben, Improvisieren und Komponieren. Mit zwanzig Jahren hat er bereits eine Lebenstelle erreicht, lernt seine Cousine Maria Barbara näher kennen und verliebt sich in sie. Man könnte heiraten, aber Bach möchte sich gerne noch weiterbilden und Dietrich Buxtehude in Lübeck kennenlernen, der als legendärer Organist seit 1657, also seit 44 Jahren, an der Marienkirche angestellt ist und die Lübecker Abendmusiken konzipiert - ein kulturelles Muß für Bach. Da diese Konzerte immer im November und Dezember stattfinden, würde es sich lohnen, zwei Monate dort zu bleiben und in der Zwischenzeit bei Buxtehude zu lernen.
 
Das Innere der Marienkirche, ein lichtdurchfluteter Bau. Foto© Martin Schlu, 2006
 
Buxtehude ist bekannt für seine ausgedehnten Choralvorspiele, in denen die Melodie immer mal wieder auftaucht, aber trotzdem kunstvoll verschleiert wird. Später wird dies eine von Bachs Spezialitäten werden.
 
 
1705 - Seitenanfang
Das Presbyterium genehmigt Bach im Herbst auch vier Wochen Urlaub, das bedeutet gerade 500 km Weg hin und zurück mit ein paar Tagen Aufenthalt. Bach hält sich jedoch nicht an die Absprache, spielt Buxtehude vor, wird als Schüler akzeptiert und lernt und studiert bei ihm. Buxtehude ist von Bach ganz angetan und bietet ihm seine Nachfolge an, wenn er dessen dickliche dreißigjährige Tochter Anna Margareta heiraten würde. Auch er selbst selbst hat ja1668 als Nachfolger Franz Tunders dessen Tochter geheiratet um die Stelle zu bekommen, ein damals allgemein üblicher Vorgang. Da Georg Friedrich Händel und Johann Mattheson erst 1703 nach langer Bedenkzeit das Angebot ausgeschlagen haben, muß Buxtehude seine Tochter versorgt wissen und Bach wäre ihm ein willkommener Schwiegesohn (die Tochter wird vermutlich kaum gefragt worden sein).
 
Maria Barbara ist aber hübscher und musikalischer als Buxtehudes Tochter und so kommt dessen Nachfolge in Lübeck nicht zustande. Nachfolger und Ehemann Anna Margaretas wird drei Jahre später ein gewisser Johann Christian Schieferdecker, als Buxtehude 1707 stirbt.
 
 Kompositionen aus dieser Zeit:
Orgelchoral: Wie schön leuchtet der Morgenstern BWV 739 (um 1705)
Kantate: "Nach dir, Herr, verlanget mich" BWV 150 (evtl. für Maria Barabara geschrieben, ca. 1705)
 
 
1706 - Seitenanfang
Erst Im Februar 1706 trifft Bach mit drei Monaten Verspätung wieder in Arnstadt ein. Die harmonischen Fortschritte durch Buxtehudes Unterricht werden bei der Choralbegleitung und den Improvisationen hörbar und kritisch beurteilt. Es kommt zum ersten Ärger mit dem Presbyterium
 
"Actum,den 21. Februar 1706
 
Wird der organist .. vernommen, wo er unlängst so lange geweßen, und bey wem er deßen verlaub genommen?
 
Ille:<jener> Er sey zu Lübeck geweßen umb daselbst ein und anderes in seiner Kunst zu begreiffen, habe aber zu vorher von dem Herren Superintendanten vm erlaubnüß gebethen.
 
Superindentant: Er habe nur auf 4. Wochen solche gebethen, sey aber wohl 4.mahl so lange außengeblieben.
 
Ille:<jener> Hoffe das orgelschlagen würde unterdeßen von deme, welchen er hiezu bestellet, dergestalt seyn versehen worden, daß deßwegen keine Klage geführet werden können.
 
Nos:<Wir>: halten ihm vor daß er bißher in dem Chorale viele wunderliche variationes gemachet, viele frembde Thone <harmoniefremde Töne> mit eingemischet, daß die Gemeinde drüber confundiret <verwirrt> worden. Er habe ins künfftige wann er ja einen tonum peregrinum <einen Ton einer entfernten Tonart> mit einbringen wolte, selbigen auch außzuhalten........ habe bißhero etwas gar zu lang gespiehlet, .... währe......gleich auf das andere extremum gefallen und hätte es zu kurtz gemachet..." (zit. nach "Geck 1", S24f, "Geck 2", S. 60f)
 
Hinzu kommen weitere Vorwürfe, er habe eine "frembde Jungfer" auf die Empore geführt (wahrscheinlich hat er mit Maria Barbara eine Gesangspartie ausprobiert, die der Chor nicht singen konnte, weil er zu schlecht war), würde zu wenig eigene Kompositionen mit dem Chor aufführen, hätte Disziplinprobleme mit dem Chor..., es wird erkennbar, daß Bach in Arnstadt nicht glücklich ist und die Arnstädter nicht glücklich mit ihm. Es zeigt sich, daß Bach Musiker durch und durch ist, der es nicht ertragen kann, wenn Amateure falsche Töne produzieren und die Arnstädter wiederum möchten eher einen (modern ausgedrückt) Musikpädagogen, weil Ihnen das Hochprofessionelle nicht so wichtig ist. Beide Seiten erwarten voneinander Unmögliches und Bach ist kein Diplomat. Wenn man den Orgelchoral BWV 726 mit einer Choralversion vergleicht, wird klar, daß Bach die gemeinde ein bißchen ärgern wollte - manche Organisten tun dies auch heute und Gelegenheiten für kleine fiese Spielchen gibt es massenhaft.
 
Nebenbei sei auf die Episode mit dem "Zippelfagottisten" (zippel = "zwiebeln" = furzen) Geyersbach hingewiesen (t'Haart, ebd. 22-39), die sich am 4. August 1705 ereignet hat: Maarten t'Hart zeigt sehr detailliert auf, wieviele Versionen dieser Episode in Umlauf sind und nimmt dies Beleg dafür, daß Bach als Person nur erscheint, wenn es irgendeine Beschwerde über ihn gegeben hat (s. o). Nach seiner Ansicht wissen wir im Vergleich bsp. zu Mozart über Bach so gut wie nichts und Selbstverständlichkeiten wurden nicht aufgeschrieben.
 
Komposition aus dieser Zeit:
 
Herr Jesu Christ, dich zu uns wend, Orgelchoral BWV 726 (1706)
Kantionalsatz aus dem Evangelischen Gesangbuch (Melodie deutlich zu erkennen) - Hörbeispiel
 
Im Vergleich dazu die Fassung, die Bach der Arnstädter Gemeinde zugemutet hat - Hörbeispiel
- es ist wirklich schwer, da mitzusingen:
 
1707  - Seitenanfang
Eine Perspektive bietet die Stadt Mühlhausen, wo der Organist Johann Georg Ahle im Dezember 1706 gestorben ist. Da Maria Barbara mit einem Mühlhausener Ratsherren verwandt ist, werden die Vorbereitungen zu einem Stellenwechsel eingeleitet. Johann Ernst Bach, ein Cousin Bachs übernimmt die Arnstädter Stelle (für ein geringeres Gehalt als Sebastian) und am 29. Juni, gibt Bach die Kirchen- und Orgelschlüssel ab, wird vom Pferdefuhrwerk aus Mühlhausen abgeholt und zieht mit Sack und Pack nach Mühlhausen. Einiege Woche später, am 17. Oktober, findet die Hochzeit mit Maria Barbara statt. Finanziell ist die Müühlhausener Stelle nochmal eine Verbesserung, vom Arbeitsklima her ebenfalls und Bach kann sich musikalisch austoben, komponiert viel und kopiert eifrig alles an Werken, was er in der Bibliothek findet und was er verwenden könnte.
 
Offensichtlich wußten die Mühlhausener aber, was sie an Bach hatten, weil im Februar 1708 zum Ratswechsel die Kantate BWV 71 "Gott ist mein König" gedruckt wird, für Bach die erste Veröffentlichung überhaupt und lange Zeit die einzige. Aber auch hier reicht Bach seinen Abschied ein, als ihm klar wird, daß man in Mühlhausen über provinzielle Qualität nicht herauskommen wird, so nett die Mühlhausener auch sind. Grund dafür mag der pietistische Ansatz des Pastors von St. Blasii sein, der Kirchenmusik nur als Mittel zum Zweck der Andacht und der Verkündigung sieht. Der Pastor der Nachbarkirche St. Marien ist dagegen lutherisch-orthodox und braucht Bachs Musik. Es kommt zu einer lockeren Zusammenarbeit: Georg Christian Eilmar schreibt die Texte, Bach die Musik (Kantate "Aus der Tiefe" BWV 131, möglicherweise auch BWV 71 s.o.).
 
 
 
1708 - Seitenanfang
Im Frühjahr erfährt Bach, daß die Weimarer Hofkapelle einen neuen Organisten braucht, da der alte in Pension gehen will. Er legt ein Probespiel ab, wird sofort verpflichtet und bekommt jährlich 150 Gulden, doppelt soviel wie vorher. Er geht in Freundschaft von den Mühlhausenern, gibt ihnen noch einen Vorschlag für den Umbau der Orgel und bleibt dem Pastor Eilmar sein Leben lang eng verbunden.
 
 
Kompositionen aus dieser Zeit:
 
Gott ist mein König, Kantate Nr. 71 BWV 71 (1708)
Aus der Tiefe rufe ich, Kantate 131 BWV 131 (1708) 
Toccata und Fuge d-moll BWV 565 (1703-1708).
Die Urheberschaft mittlerweile angezweifelt, möglicherweise ist das Stück eine von Bach umgearbeitete Klavier- oder Violinkonzert eines anderen Autoren
.
 
Zum Hören empfehle ich möglichst die Rilling-Einspielungen oder die von Neville Marriner (St. Martin In The Fields), doch am besten lernt man Bachkantaten kennen, wenn man sie einmal mitgesungen hat. Die Kantoren der größeren Ev. Gemeinden bieten das immer wieder an.
 
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