Hompeage Martin Schlu
St. Paul de Vence und Marc Chagall
Text und  Fotos:  Martin Schlu   
Redaktionsschluß am 17. Mai  2026 

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St. Paul de Vence




Geschichte - Altstadt - Chagalls Grab - Museum Fondation Maeght

Geschichte und Einflüsse

St. Paul de Vence ist ein kleines Nest im Umkreis von Grasse, das mindestens seit dem 13. Jahrhundert bestand, weil die Kirche über dem Dorf um diese Zeit gebaut wurde. Unterhalb der Stadt sieht man eine umlaufende Stadtmauer, die der französische König Franz I.  ab 1531 erbauen ließ, als die Spanier mit den Arabern eine Allianz gegen Frankreich eingegangen waren und die Seewege kontrolliert werden mußten. Die Stadtmauer wurde sehr solide gebaut, erwies sich als abschreckend genug und mußte vielleicht deshalb nie eine Schutzfunktion übernehmen. Als militärische Angreifer im 20. Jahrhundert fliegen konnten und Städte bombardierten, war dieses Fleckchen Erde zum Glück politisch so uninteressant, daß hier keine einzige Bombe fiel und so blieb alles, wie es war.

Ansicht der Stadt von den Serpentinen unterhalb
Ansicht der Stadt von den Serpentinen unterhalb

Dann kam Marc Chagall.

Chagall war seit den 1930 Jahre ein international angesehener Künstler mit Ausstellungen in ganz Europa. Er hatte etliche Monate und Jahre in Rußland, Frankreich und Deutschland verbracht und suchte ab 1939 nach einer Bleibe für den Rest seines Lebens in Frankreich. Nach dem deutschen Überfall auf Frankreich 1940 zog sich Chagall in den noch unbesetzten Süden zurück und mietete in Gordes / Provence ein alte Schule, in die er mit seiner Famiie zog. Doch die Vichy-Regierung arbeitete mit den Nazis zusammen, machte Jagd auf alle Juden und so mußte Chagall im April 1941 flüchten. Er schaffte es mit seiner Frau Bella und den Kindern noch gerade nach New York. Im April 1944 später starb dort seine Frau an einer Virusinfektion (Penicillin gab es nur für die Soldaten) und Chagall wollte wieder nach Frankreich. Mit seiner neuen Lebensgefährtin Virgina Mc Neal kehrte er 1948 nach Paris zurück und fand 1949 ein Haus bei Nizza, in
Saint-Jean-Cap-Ferrat. 1952 trennten sich Chagall und Virginia und kurz danach heiratete er Walentina Brodsky (1905–1993).

Seit 1950 hatte Chagall Kontakt zur Gemeinde St. Paul de Vence und er hatte sich ein kleines Haus neben dem Studio von Henri Matisse gekauft.

Im gleichen Jahr begann er die in St. Paul die „Chapelles du Calvaire“ für Gottesdienste wiederzubeleben und er plante Ausmalungen in großem Stil. Die fertigen Bilder wurden jedoch nicht in dieser Kapelle aufgehängt, sondern Chagall schenkte sie dem französischen Staat, der sie in ein neu gegründetes Chagall-Museum in Nizza-Cimiez übertrug. Henri Matisse dagegen schuf mit der Rosenkranzkapelle ein künstlerisches Statement.

1966 zog Chagall mit der Famiie in ein neu erbautes Haus in St. Paul de Vence. Für die Villa la Coline schuf er bis 1967 ein großes Wandgemälde „Le Grand Soleil“.

Matisse und Chagall besuchten sich gegenseitig in Nizza (wo Matisse lebte) und in St. Paul de Vence. In den 1960er Jahre entstand eine Art Künstlerdorf, zumal auch Pablo Picasso sich dort ab und zu sehen ließ, weil er eng mit Matisse befreundet war. Daß sich dort drei Weltkünstler austauschten, sorgte für das Narrativ des „Künstlerdorfs“, das in der Altstadt gerne erzählt wird. Der wirkliche Hintergund ist aber die Galerie Maeght, die ab 1936 in Cannes bestand und 1953 eine Neugründung in St. Paul anstrebte, nachdem der Sohn gestorben war. Es sollte eine Stiftung ähnlich wie bei Peggy Guggenheim werden und in St. John gab es Platz für das zu bauende Museum. 1953 begann dann der Ankauf und für viele Künstler war es interessant hierhin zu kommen und auf Bestellung zu schaffen: Joan Miro, Anthony Tapies, Marc Chagall, Wassiliy Kandinsky, Alexander Calder, Alberto Giachometti und viele andere. (Link zum Museum)


Heute leben Dutzende von Künstlern und Galeristen ganz gut von diesem Umstand und im Café unterhalb der Stadtmauer sollen Filmstars Entspannung vom Streß in Cannes gesucht haben. Man kann sich aber nur schwer vorstellen, daß z.B. John Travolta mit seinen Bodygards vorfährt um unter den Augen Tausender einen Café zu trinken.

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Altstadt
Die Altstadt von St. Paul de Vence ist mitnichten ein romantisches Künstlerdorf, in dem man von noch unbekannte Künstler billig erfolgversprechende Werke kaufen kann, sondern es ist einfach Frankreichs meistbesuchtes Dorf. Es hat heute um die 3.000 Einwohner (Altstadt und Umgebung), wird aber von doppelt bis dreimal soviel Menschen pro Tag besucht. Die über eine  Million Besucher im Jahr müssen irgendwo kanalisiert werden und alle müssen durch diesen Durchlaß der Stadtmauer:


Übergang von der äußeren zur inneren Stadtmauer. Die Kanone war auf die Besucher gerichtet
Übergang von der äußeren zur inneren Stadtmauer. Die Kanone war auf die Besucher gerichtet

Bergschuhe sind bei diesem Besuch sehr empfehlenswert, denn auch die Wege sind Jahrhunderte alt, entsprechend weit abgesackt und auch, wenn immer wieder Asphalt aufgebracht wird, wandert das Gestein und so entstehen neue Senken. Die Häuser sind entsprechend windschief und alles mag historisch sein - bequem ist es nicht. Wer auch immer hier wohnt, muß alle Dinge des täglichen Bedarfs über etliche Höhenmeter transportieren - aber vielleicht gibt es ja einen geheimen Fahrstuhl zur in den Berg gehauenen Tiefgarage. Ich fand weder das eine noch das andere. Am anderen Ende des Eingangs gibt es immerhin versenkbare Poller, so daß kleine Autos hochkommen. Über 3,5 Tonnen ist aber definitiv Schluß.

Die Gassen sind steil, steinig und normalerweise voller Touristen.
Die Gassen sind steil, steinig und normalerweise voller Touristen.

Tausende Touristen zwängen sich ab zehn Uhr durch die engen Gassen und werden von den Laden- und Cafébesitzern umworben, -zig Galeristen bieten Drucke, Postkarten, Magnete und Zeichnungen an, doch manchmal ist auch eine numerierte und signierte Litho Chagalls dabei. Sie wird teurer sein als bei einem seriösen Händler, aber dafür stammt sie aus der Stadt, in der Chagall gelebt und gearbeitet hat und in der er begraben ist.

Die Fotos oben und unten sind Ausnahmen. Normalerweise hat man ein Dutzend Menschen im Bild, aber wenn man etwas wartet, ergibt sich schon mal ein Moment mit weniger Menschen im Bild.


Restaurants sind auch in den oberen Gassen, aber man muß gut zu Fuß sein.
Restaurants sind auch in den oberen Gassen, aber man muß gut zu Fuß sein.


Der typische Laden ist knapp drei Meter breit und höchstens zehn Meter tiet, hat sich auf eine Sache spezialisiert und ist im Umkreis von zwanzig Metern der einzige seiner Art. Man verkauft Kunst (echte und falsche), Seife, Öle, schönes, aber unützes Zeug, es folgt ein/e Cafe/Restaurant/Bar und dann wiederholt sich alles. Es kann durchaus sein, daß man tolle Bilder findet, aber dann ruft man einen Galeristen am besten an, schaut außerhalb des Trubels vorbei und läßt sich das Bild schicken.

In den Läden wird echte und falsche Kunst und echter Kitsch verkauft, vor allen Dingen von Chagal und örtlichen Künstlern
In den Läden wird echte und falsche Kunst und echter Kitsch verkauft, vor allen Dingen von Chagall und örtlichen Künstlern

Wenn man sich durch die Gassen und Läden nach oben gekämpft hat, wartet ein Ausblick, der für die Truppen Franz' I. für Streß gesorgt hat. Wenn  der Ausguck von oben ein feindliches Schiff gesehen hatte, mußte das Pferd gesattelt werden, jemand mußte losreiten und berichten. Man konnte dann nur hoffen, daß die befreundeten Soldaten rechtzeitig an der Landungsstelle der Spanier/Araber waren. Heute gibt man die Position des Schiffes mit dem Handy durch und die Piraten kommen über das W-Lan.

Auf dem Weg zu Chagalls Grab hat man eine Aussicht bis aufs Meer
Auf dem Weg zu Chagalls Grab hat man eine Aussicht bis aufs Meer


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Chagalls Grab
Von Marc Chagall habe ich Hunderte oder Tausende Bilder gesehen - in allen möglichen Museen und Städten und am Anfang unserer Ehe gab es eine - leider unsignierte - Litho von Adam und Eva im Paradies und meine Mutter vererbte mir eine Chagall-Bibel. Dieser Mann war extrem produktiv - ähnlich wie Picasso oder Renoir - und hat überall in Europa Spuren hinterlassen, wie z. B. in St. Stefan in Mainz, wo er Fenster gestaltete, die bedrückend schön geworden sind.

Nach seinen Wanderjahren zwischen dem Geburtsort Witebsk in Weißrußland, dem Studium in St. Petersburg (Leningrad) und längeren Aufenthalten in Frankreich, Deutschland, Spanien, Amerika, Italien und London blieb er mit seiner Familie ab 1948 an der Côte d' Azur und baute sich in St. Paul de Vence ein neues Haus. Dort lebte er bis zum Rest seines Lebens - von Ausflügen zu Ausstellungen und Arbeitsphasen einmal abgesehen.


Chagalls Fenster im Chorraum von St. Stefan, Mainz
Chagalls Fenster im Chorraum von St. Stefan, Mainz


Chagalls Werke umfassen seine religiösen, jüdischen Bilder, Fenster für zahlreiche Kirchen, Bühnenkulissen („Feuervogel“, New York 1945, „Daphnis et Chloé“, Paris 1958, „Zauberflöte“ 1965), Wandteppiche, Mosaike und Keramiken. Außerdem schrieb er eine Autobiographie und verfaßte Gedichte und Texte zur Kunst in französischer und jiddischer Sprache. Als er am 28. März 1985 in St. Paul de Vence starb, war er bereits Ehrenbürger dieser Stadt.

Über Marc Chagalls Grab steht etwas in jedem Reiseführer über die Côte d' Azur oder Provence. Es liegt nahe am Eingang unter einer riesigen Pinie, das zweite Grab im rechten Gang links. Man erkennt es an den Steinmassen, die Besucher zum Andenken auf die Grabplatte legen.


Chagalls Grab befinder sich in der Nähe des Eingangs unter der alten Pinie
Oben: Chagalls Grab befinder sich in der Nähe des Eingangs unter der alten Pinie

Unten: Die Grabplatten von Marc und Valentina (Vava) Chagall sind dicht mit Steinen bedeckt - eine jüdische Art des Gedenkens.

Die Grabplatten von Marc und Awa Chagall sind dicht mit Steinen bedeckt - eine jüdische Art des Gedenkens.

Anmerkung: Michael Brodsky (1913-1997) war der Bruder von Chagalls zweiter Ehefrau Valentina („Vava“, 1905-1993).


Links:
https://das-ewige-blau.de/wie-ein-wallfahrtsort-saint-paul-de-vence/


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Museum Fondation Maeght
Die Foundation Marguerite at Aimé Maeght ist eine Stiftung, die ab 1953 entwickelt wurde, als der Sohn des Galeristen und Kunsthändlers  Aimé Maeght starb, damit als Erbe ausfiel und die Eltern Maeght überlegten, was einmal aus dem Nachlaß werden sollte. Aimé Maeght hatte sich als Lithograf und Galerist einen Namen gemacht und mit Henri Matisse, Pierre Bonnard, Georges Braque, Joan Miró, Marc Chagall, Alexander Calder, Wassily Kandinsky und vielen anderen Künstlern zusammengearbeitet. Der italienische  Bildhauer Alberto Giacometti war erst durch Maeght bekannt geworden und nach dem Tod des Sohnes entstand die Idee, ein neues Museum zu planen.

Joan Miró stellte die Verbindung zu dem spanischen Architekten Josep Lluis Sert her, der das neue Museum planen sollte. Geplant und gebaut wurde ein Gebäudeensemble, bestehend aus zwei Museumsbauten, einem Park und einer Kapelle, die an den verstorbenen Sohn erinnern sollte. 1964 war alles fertig und das Museum öffnete seine Türen.


Das Museum von der Gartenseite
oben: Das Museum von der Gartenseite

unten: Das Museum vom Skulpturenpark

Ansicht des Museums von der Gartenseite

Typisch für die Architektur ist die Veränderung. Es gibt keine zwei gleichen Seiten, aber ständig neue Blickwinkel und überall findet man Exponate. Georg Braque schuf ein Wasserbecken mit Mosaiken, von Joan Miró gibt es viele Skulpturen und ein funktionsloses Fenster, das das Chagall-Blau zitiert.


Das Miro-Fenster vor dem Gebäude
Das Miro-Fenster vor dem Gebäude

Man findet im Garten Mobiles von Alexander Calder, viele weitere Skulpturen anderer Künstler und im Inneren des Hauses gibt es riesige Säle, die so groß sind, daß die Bilder von Chagall und anderen Malern mit ihren bis zu 3 x 4 Metern nicht zu groß werden (ich habe darauf geachtet, daß zum Größenvergleich jemand danebensteht).

Einer der Säle, in dem Chagalls „La vie“ hängt
Einer der Säle, in dem Chagalls „La vie“ hängt. Zum Betrachten auf das Bild klicken.

Die Bibliothek im Kellergeschoß ist etwas Besonderes. Berühmte Werke der Kunstgeschichte stehen zwar hinter Glas, doch davor sind Displays, in denen man digital in den Werken blättern und lesen kann - ein Service, den ich so bisher noch in keinem Museum gesehen habe.

Ein Schmankerl ist das Tigerbild von Jacques Monory (1924-2018), bei dessen Betrachten mir spontan Rilkes Gedicht vom „Panther“ in den Sinn kam. Ich habe dazu einen passenden Bildausschnitt ausgewählt.


Der Tiger
Der Panther

Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille -
und hört im Herzen auf zu sein.

Rainer Maria Rilke, 6.11.1902, Paris

Das Essen im Café rundete den Besuch ab. Wir waren gut drei Stunden drin und es war nie langweilig.


Fondation Maeguerite et Aimé Maeght,    623 chemin des Gardettes,    06570 Saint-Paul-de-Vence
Eintritt € 18,00, ermäßigt € 14,00, Kinder und Jugendliche bis 16 Jahren und Menschen mit Handicap frei.


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