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Karneval in Venedig
Text und Fotos von Martin Schlu seit 2006, Stand: 8. Februar 2026

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Weil ich in etlichen Jahren an Weiberfastnacht  immer am Vormittag zu spielen hatte (Wievverfastelovendzoch), paßte es nur ganz selten, in dieser Zeit nach Venedig zu kommen. Im Jahr 2006 war ich am Nachmittag mit meiner Frau am Flughafen, gegen acht kamen wir  in Venedig an und liefen die kurze Entfernung zur Wohnung nach Dorsoduro, weil wir uns ja schon ein auskannten. Zur Schlüsselübergabe an den Campo Santa Margherita kam jemand um 21:00 Uhr, der ohne große Kommentare den Schlüssel herausgab, denn weil die Karnevalsparty auf dem Campo längst in vollem Gang war, mochte man nicht mehr reden, als nötig war. Schnell ein paar Lebensmittel aufzutreiben wäre um diese Uhrzeit normalerweise noch leicht gewesen, aber nicht an Weiberfastnacht. Ich brauchte eine Stunde, um zwei Döner, eine Flasche Wasser und einen Wein aufzutreiben und mußte dafür teuer bezahlen (Zuhause hätte ich für den Preis des billigen Valpolicello  einen guten Bordeaux bekommen). Am nächsten Tag stellten wir fest, daß die Souvenierstände ihr Angebot umgestellt hatten:

Hier kriegt man alles, was man als Karnevalstourist braucht, um als solcher erkannt  zu werden.
Hier kriegt man alles, was man als Karnevalstourist braucht, um als solcher erkannt  zu werden.
Der Grund dafür ist die karnevalistische Bedeutung für Touristen. Als solcher kommt man morgens am Bahnhof für einen Tag an, kauft sich an einem der nächstbesten Stände einen lustigen Hut, etwas Konfetti und das Gefühl, im Karneval dazuzugehören. Dafür sieht man absolut bescheuert aus und ist auf fünfhundert Meter als Tourist zu erkennen, eine Variante, die ich aus Köln und Bonn kenne, wo freundliche Japaner mit roter Pappnas'  freundlich winken, kein Wort Kölsch und damit keinen Witz verstehen, aber denken, das wäre der typische Karneval. Zumindest die Taschendiebe werden aber über den Status des Touristen informiert - auch die müssen ja von etwas leben. Die unten abgebildeten Hüte signalisieren also jedem hart arbeitenden Taschendieb: „Beklau mich!"

Wer solche Hüte trägt, ist auf hundert Meter als Tourist zu erkennen, der von den hart arbeitenden Taschendieben beklaut werden möchte.
Wer solche Hüte trägt, ist auf hundert Meter als Tourist zu erkennen, der von den hart arbeitenden Taschendieben beklaut werden möchte.

Die Bedeutung des Karnevals  für die Venezianer und italienischen Besucher (von Touristen mag man da nicht reden) ist aber ganz anders. Man hat sich schon Monate vorher mit seinem Kostüm beschäftigt und hat in Spezialgeschäften die Dinge besorgt, die für die Herstellung wichtig waren. Vor dem optimierten Kostüm hat man sich schon überlegt, auf welchen Ball man will und im Vorfeld entsprechend Mühe aufgewendet. Etwa eine Woche vor dem großen Tag fährt man nach San Marco  oder San Giorgio (je nach den Lichverhältnissen) und läßt sich fotografieren. Da bekommt man die ersten Rückmeldungen zum Kostüm - auch schon bei der Anreise im Vaporetto.

Mischung aus Barock und Pestarzt, darunter eins sehr netter Mann.
Mischung aus Barock und Pestarzt, darunter eins sehr netter Mann.

Der barocke Pestarzt entpuppte sich im Gespräch als ein in Deutschland lebender Venezianer, den es um diese Zeit immer in die Heimat treibt. Seine Freundinnen waren Hexen mit künstlerisch hochstehenden Requisiten (Rabe aus bestickten Tuch, selbst gemachte schwarze Gesichtsmaske). An San Zaccharia stieg man aus und ließ sich auf der Piazza fotografieren.

Typisch für den Karneval in Venedig sind die Masken.
Typisch für den Karneval in Venedig sind die Masken - je besser desto mehr Fotos, postings und Klicks.

Einer der Stars beim Fotoshooting 2026 - die Namen kennt man natürlich nicht.
Einer der Stars beim Fotoshooting 2026 - die Namen kennt man natürlich nicht.

Vorher hat man sich bereits in einem der Hotels oder Palazzi auf eine Einlaßkarte beworben (die Ankündigung dazu hängt mit Thema auf unauffälligen A4-Ausdrucken aus), hat einen Ort gesagt bekommen und hastet dann dorthin - oft in eine Räumlichkeit, die dem gemeinen Volk nicht offensteht, etwas eine Etage eines Palazzzo oder einer Behörde.

Wenn man ab 19:00 Uhr an einem der Karnevalstage eine größere Gruppe venezianisch perfekt kostümierter Menschen in eine Richtung hasten sieht, handelt es sich um eine im gegenseitigen Wettbewerb stehende Gruppe auf dem Weg zu ihrem Event. Dort angekommen wird man aufgrund seines Kostüms zugelassen - oder auch nicht. Wenn nicht, ist der Abend versaut, man besäuft sich aus Frust und geht früh schlafen. Wenn es geklappt hat, erwartet einen eine Gala mit formidablem Essen und kulturell hochstehendem musikalischem Genuß, zu der gepflegt getanzt wird. Zu später Stunde beendet das Orchester sein Repertoire und danach legt der DJ auf. Die Palazzi sind abends entsprechend angestrahlt und hell erleuchtet.

Sitzungen mit Tusch und Witz sind dem Venezianer aber einfach fremd und daß seit Februar 2006 immer eine Bonner Delegation im venezianischen Karneval mitmischt und dafür auch schon mal den Bonner Rosenmontagszug sausen läßt, spricht für sich. 2016 waren die Bonner Stadtsoldaten hier und die Venezianer machten große Augen ob der schieren Masse an preußisch korrekten Uniformen, während der Karnevalsengel vom Campanile zu Boden glitt. Tätääh!

Die Menschenmassen vor der Bühne am Museo Correr (Piazza San Marco)
Die Menschenmassen vor der Bühne am Museo Correr (Piazza San Marco)
Die folgenden Bilder sind Ausschnitte aus typischen Kostümen - alle Karnevalisten („Narren“ sind dies alle nicht) ließen sich freiwillig vor dem Event im Bereich San Marco aufnehmen. Es gibt zwei Arten von Kostümen. Die erste Art ist ein Barockkostüm in der Hoftracht des 17. und 18. Jahrhunderts (das haben die wenigsten - außer den Stadtsoldaten im Rheinland.). Die zweite Art sind Phantasiekostümen, bei denen es keine Grenzen gibt. Tod und Teufel, Harlekin, Disney-Figuren und alles Mögliche mehr.

Der Hut ist barock, die Farben auch - der Rest ist etwas freier.
Er geht auch als Figur in einem Beethoven-Film durch, sie eher nicht.
Der Hut ist barock, die Farben auch -
der Rest ist etwas freier.

Er geht auch als Figur in einem Beethoven-Film durch,
sie eher nicht.
Das war nun wirklich stilecht... ... und hier steckt auch viel Liebe zum Detail drin.
Das ist nun wirklich stilecht...
... und in diesem Kostüm steckt auch viel Liebe zum Detail.

Auch hier ein fundamentaler Unterschied zum Kölner Karneval, weil der venezianische Karneval mehr für das Individuum ist, der Kölner Karneval dagegen für eine Gruppe, aber das ist eine andere Geschichte. Die meisten Karnevalisten in Venedig schlüpfen in ein  Phantasiekostüm und freuen sich, wenn es anderen Menschen gefällt und die sie fotografieren. Es haben sich immer beide Seiten gefreut - die Fotografen über ein schönes Motiv und die Maskierten über das Interesse. Wer aber vor seinem Kostüm ein Schälchen stehen hat, in das man fürs Fotografieren bezahlen soll, ist kein Venezianer, sondern jemand, der davon leben muß.

Ein hübsches Gesicht versteckt man nicht hinter Masken.
Schon sehr viel aufweniger in Idee und Detail.
Ein hübsches Gesicht versteckt man nicht hinter Masken. Schon sehr viel aufwendiger in Idee und Detail.
Doppelt aufwendig und doppelt effektvoll.
Allein die Federkonstruktion kostet Hunderte Stunden.
Doppelt aufwendig und doppelt effektvoll. Allein die Federkonstruktion kostet Hunderte Stunden.
Hier sieht man die Details, weil der Hintergrund weiß ist.
Nach einem anstrengenden Tag auf dem Rückweg.
Hier sieht man die Details, weil der Hintergrund weiß ist.
Nach einem anstrengenden Tag auf dem Rückweg.

Weitere interessante Kostüme sah man den ganzen Tag, auch in den Restaurants und in den Vaporetti. Der
Vaporetto gegen vier Uhr Richtung Bahnhof war allerdings extrem voll und dort, an der Ferrovia, stiegen Hunderte Karnevalisten aus um nach Hause zu fahren. Der Flug des Karnevalsengels hätte heute eigentlich stattgefunden, ist aber für die Zukunft abgesagt, weil dem Stadtrat -zigtausende Karnevalisten auf dem Markusplatz zu gefährlich geworden sind. Es gibt aber noch ein Video aus dem Jahr 2016 darüber.

Doch es gibt durchaus die Möglichkeit etwas Anderes als Karneval zu sehen. Die Boote nach Murano sind etwas leerer als sonst, nach Torcello will kaum keiner hin und  in den Museeen ist Ruhe, wenn sie nicht (wie heute das Correr-Museum) freien Eintritt ausloben. Je nachdem, wohin man will, findet man Menschenmassen wie am Rosenmontagszug in Köln oder - wenn man sich auskennt - eine stille Gasse, wo noch Ruhe ist.

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