| zurück nach Venedig
|
Weil ich in etlichen Jahren an Weiberfastnacht immer am Vormittag zu spielen hatte (Wievverfastelovendzoch),
paßte es nur ganz selten, in dieser Zeit nach Venedig zu kommen. Im Jahr
2006 war ich
am Nachmittag mit meiner Frau am
Flughafen, gegen acht kamen wir in Venedig
an und liefen die kurze Entfernung zur Wohnung nach Dorsoduro, weil wir
uns ja
schon ein auskannten. Zur Schlüsselübergabe an den Campo Santa
Margherita kam jemand um 21:00 Uhr, der ohne große Kommentare den
Schlüssel herausgab, denn weil die Karnevalsparty auf dem
Campo längst in vollem Gang war, mochte man nicht mehr reden, als nötig
war. Schnell ein paar Lebensmittel
aufzutreiben wäre um diese Uhrzeit normalerweise noch leicht gewesen,
aber nicht an Weiberfastnacht. Ich
brauchte eine Stunde, um zwei Döner, eine Flasche Wasser und einen Wein
aufzutreiben
und mußte dafür teuer bezahlen (Zuhause hätte ich für den Preis des
billigen Valpolicello einen guten Bordeaux bekommen). Am nächsten Tag stellten wir fest, daß die Souvenierstände ihr Angebot umgestellt hatten:
Hier kriegt man alles, was man als Karnevalstourist braucht, um als solcher erkannt zu werden.
- Der Grund dafür ist die karnevalistische Bedeutung für Touristen. Als solcher kommt man morgens am
Bahnhof für einen Tag an, kauft sich an einem der nächstbesten Stände
einen lustigen Hut, etwas Konfetti und das Gefühl, im Karneval
dazuzugehören. Dafür sieht man absolut bescheuert aus und ist auf
fünfhundert Meter als Tourist zu erkennen, eine Variante, die ich aus
Köln und Bonn kenne, wo freundliche Japaner mit roter Pappnas'
freundlich winken, kein Wort Kölsch und damit keinen Witz verstehen,
aber denken, das wäre der typische Karneval. Zumindest die Taschendiebe
werden aber über den Status des Touristen informiert - auch die müssen
ja von etwas leben. Die unten abgebildeten Hüte signalisieren also jedem hart arbeitenden Taschendieb: „Beklau mich!"

Wer solche Hüte trägt, ist auf hundert Meter
als Tourist zu erkennen, der von den hart arbeitenden Taschendieben
beklaut werden möchte.
Die
Bedeutung des
Karnevals für die Venezianer und italienischen Besucher (von
Touristen mag man da nicht reden) ist aber ganz anders. Man hat sich
schon Monate vorher mit seinem Kostüm beschäftigt und hat in
Spezialgeschäften die Dinge besorgt, die für die Herstellung wichtig
waren. Vor dem optimierten Kostüm hat man sich schon überlegt, auf
welchen Ball man will und im Vorfeld entsprechend Mühe aufgewendet.
Etwa eine Woche vor dem großen Tag fährt man nach San Marco oder
San Giorgio (je nach den Lichverhältnissen) und läßt sich
fotografieren. Da bekommt man die ersten Rückmeldungen zum Kostüm
- auch schon bei der Anreise im Vaporetto.

Mischung aus Barock und Pestarzt, darunter eins sehr netter Mann.
- Der
barocke Pestarzt entpuppte sich im Gespräch als ein in Deutschland
lebender Venezianer, den es um diese Zeit immer in die Heimat treibt.
Seine Freundinnen waren Hexen mit künstlerisch hochstehenden Requisiten
(Rabe aus bestickten Tuch, selbst gemachte schwarze Gesichtsmaske). An
San Zaccharia stieg man aus und ließ sich auf der Piazza fotografieren.

Typisch für den Karneval in Venedig sind die Masken - je besser desto mehr Fotos, postings und Klicks.

- Einer der Stars beim Fotoshooting 2026 - die Namen kennt man natürlich nicht.
Vorher hat man sich bereits in einem der Hotels oder Palazzi auf eine Einlaßkarte beworben
(die Ankündigung dazu hängt mit Thema auf unauffälligen A4-Ausdrucken
aus), hat einen Ort gesagt bekommen und
hastet dann dorthin - oft in eine Räumlichkeit, die dem gemeinen Volk
nicht offensteht, etwas eine Etage eines Palazzzo oder einer Behörde.
Wenn
man ab 19:00 Uhr an einem der Karnevalstage
eine größere Gruppe venezianisch perfekt kostümierter Menschen in eine
Richtung hasten sieht, handelt es sich um eine im gegenseitigen
Wettbewerb stehende Gruppe auf dem Weg zu ihrem Event. Dort angekommen
wird man aufgrund seines Kostüms zugelassen - oder auch nicht. Wenn
nicht, ist der Abend versaut, man besäuft sich aus Frust und geht früh
schlafen. Wenn es geklappt hat, erwartet einen eine Gala mit
formidablem Essen und kulturell hochstehendem musikalischem Genuß, zu
der gepflegt getanzt wird. Zu später Stunde beendet das Orchester sein
Repertoire und danach legt der DJ auf. Die Palazzi sind abends
entsprechend angestrahlt und hell erleuchtet.
- Sitzungen
mit Tusch und Witz sind dem Venezianer aber einfach fremd und daß seit
Februar 2006 immer eine Bonner Delegation im venezianischen Karneval
mitmischt und dafür auch schon mal den Bonner Rosenmontagszug sausen
läßt, spricht für
sich. 2016 waren die Bonner Stadtsoldaten hier und die
Venezianer machten große Augen ob der schieren Masse an preußisch
korrekten Uniformen, während der Karnevalsengel vom Campanile zu Boden
glitt. Tätääh!

Die Menschenmassen vor der Bühne am Museo Correr (Piazza San Marco)
- Die folgenden
Bilder sind Ausschnitte aus typischen Kostümen
- alle Karnevalisten („Narren“ sind dies alle nicht) ließen sich freiwillig vor dem Event im Bereich San
Marco aufnehmen. Es
gibt zwei Arten von Kostümen. Die erste Art ist ein Barockkostüm in der
Hoftracht des 17. und 18. Jahrhunderts (das haben die wenigsten - außer
den Stadtsoldaten im Rheinland.). Die zweite Art sind
Phantasiekostümen, bei denen es keine Grenzen gibt. Tod und Teufel,
Harlekin, Disney-Figuren und alles Mögliche mehr.

|

|
Der Hut ist barock, die Farben auch -
der Rest ist etwas freier.
|
Er geht auch als Figur in einem Beethoven-Film durch,
sie eher nicht.
|
 |

|
Das ist nun wirklich stilecht...
|
... und in diesem Kostüm steckt auch viel Liebe zum Detail.
|
- Auch hier ein fundamentaler Unterschied zum
Kölner Karneval,
weil der venezianische Karneval mehr für das Individuum ist, der Kölner
Karneval dagegen für eine Gruppe, aber das ist eine andere Geschichte.
Die meisten Karnevalisten in Venedig schlüpfen in ein
Phantasiekostüm und freuen sich, wenn es anderen Menschen gefällt und
die sie fotografieren. Es haben sich immer beide Seiten gefreut - die Fotografen über ein schönes Motiv und die Maskierten über das Interesse. Wer aber vor seinem Kostüm
ein Schälchen stehen hat, in das man fürs
Fotografieren bezahlen soll, ist kein Venezianer,
sondern jemand, der davon leben muß.
-

|

|
| Ein hübsches Gesicht versteckt man nicht hinter Masken. |
Schon sehr viel aufwendiger in Idee und Detail.
|

|

|
| Doppelt aufwendig und doppelt effektvoll. |
Allein die Federkonstruktion kostet Hunderte Stunden.
|

|

|
Hier sieht man die Details, weil der Hintergrund weiß ist.
|
Nach einem anstrengenden Tag auf dem Rückweg.
|
Weitere interessante Kostüme sah man den ganzen Tag, auch in den Restaurants und in den Vaporetti. Der Vaporetto gegen vier Uhr Richtung Bahnhof war allerdings extrem voll und dort, an der Ferrovia,
stiegen Hunderte Karnevalisten aus um nach Hause zu fahren. Der Flug
des Karnevalsengels hätte heute eigentlich stattgefunden, ist aber für
die Zukunft abgesagt, weil dem Stadtrat -zigtausende Karnevalisten auf
dem Markusplatz zu gefährlich geworden sind. Es gibt aber noch ein Video aus dem Jahr 2016 darüber.
- Doch es gibt durchaus die Möglichkeit etwas Anderes als Karneval zu sehen. Die Boote nach Murano sind etwas leerer als sonst, nach Torcello will kaum keiner hin und in den Museeen ist Ruhe, wenn sie nicht (wie heute das Correr-Museum) freien Eintritt ausloben. Je nachdem, wohin man will,
findet man Menschenmassen wie am Rosenmontagszug in Köln oder - wenn
man sich auskennt - eine stille Gasse, wo noch Ruhe ist.
- zurück nach Venedig - nach oben
|
|