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Freudenstadt und kein Königsschloss
Text und Fotos: Martin Schlu,    Stand: 25. September 2026


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Geschichte - Marktplatz - Kirche - Rathaus - Literatur

Freudenstadt ist erst gut vierhundert Jahre alt und entstand auf den Wunsch des
Herzogs Friedrich I. von Württemberg. Friedrich hatte das Land Württemberg von einem entfernten Cousin geerbt, der keine Nachkommen zustandegekriegt hatte und bestach die Habsburger Kaiser dafür, daß sie aus diesem Erbe ein Reichslehen oder mehr machen sollten. Er brauchte für ein Königreich Württemberg neben der Hauptstadt Stuttgart als künftiger König allerdings ein weiteres Residenzschloß. Als die kaiserliche Zusage unter Dach und Fach war, erfolgte 1599 der erste Spatenstich auf einem Hochplateau in ca. 800 Meter Höhe zwischen Stuttgart und Karsruhe-Durlach, den Machtzentren Württembergs und Badens.

Man plante die neue Stadt nach einem überarbeiteten Entwurf von Albecht Dürer, bei dem um ein Schloß auf einem quadratischen Platz drei Reihen Häuser stehen sollten, in denen Platz für Handwerk, Handel und Bürger war. In der ersten Planung war von fünf Häuserreihen die Rede, realisiert wurden aber nur vier Reihen hintereinander.
Der Platz sollte für das Schloß groß genug sein, daß auch Militärparaden abgehalten werden konnten und deswegen mußte die  Kirche woanders stehen - zwei große Gebäude hätten sich gegenseitig den Platz weggenommen. Der renommierte herzogliche Baumeister Heinrich Schickhardt legte den verbindlichen Plan vor:

Der Bauplan der Freudenstädter Stadtgründung
Der endgültige Plan von Heinrich Schickhardt zumm Bau der Stadt
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Stadtkirche_Freudenstadt#/media/Datei:Freudenstadt_Dreizeilenplan.jpg (gmeinfrei)


Der Schloßbau war schon auf Eis gelegt worden, weil der Herzog nicht mehr Schulden machen als unbedingt nötig (der Vergleich zu Donald Trump drängt sich geradezu auf). Die Planung für das Schloß war auch fertig, man mußte nur nich ein paar Jahre warten - dachte der Herzog. Dummerweise starb er kurz darauf am 8. Februar 1608. Die Stadt und die Kirche waren zwar fertig waren, aber es war alles teurer geworden und Friedrichs Nachfolger, Johann Friedrich von Württemberg, setzte seine Energie lieber für die Gründung der protestantischen Union ein als ein Schloß zu bauen.

Zwei Jahre später,
1610, brach  die Pest aus und die junge Stadt verlor etwa 1.700 Menschen - fast die Hälfte der Einwohner. Für eine jetzt nötige Stadtmauer war aber bis 1618 kein Geld mehr da und so blieb die Stadt ungeschützt.

Der Stadtbrand von 1632 vernichtete 144 der dicht aneinander gebauten Fachwerkhäuser und nun brauchte man wieder herzogliches Geld für die Reparaturen und Umbauten.

Die Kriegsereignisse der Schlacht bei Nördlingen im September 1635 und die anschließende Plünderung und Brandschatzung des Nordschwarzwaldes und der Stadt verringerten die Freudenstädter Bevölkerung bis auf unter hundert Einwohner und so konnte die Stadt erst Jahre später unter Eberhard III. wieder aufgebaut werden. Damit überhaupt Menschen blieben sagte der Herzog sechs Jahre Steuerfreiheit zu und Neubürger mußten erst ab dem dreizehnten Jahr zahlen. Innerhab weniger Jahre blühte die Stadt wieder auf.

Von 1667 bis 1674 wurde die Stadt mit einer Mauer und vier Stadttoren befestigt, dann starb der Herzog und der Nachfolger hatte kein Interesse, die teuren Arbeiten fertigzustellen. Die Bevölkerung benutzte daher die nicht fertiggestellten Bastionsbauwerke, um sich mit Baumaterial zu versorgen, und die Stadt wuchs erneut an. Nur das Schloß brauchte immer noch kein Mensch mehr und so blieb der Platz lange unbebaut. Mittlerweile führt die B28 von Blaubeuren nach Straßburg vierspurig als Zickzack über den Platz, aber auch das fällt kaum auf, weil der Platz so groß ist.

Ohne Schloß wirkt der Freudenstädter Marktplatz riesig - mit Schloß wäre es eng geworden
Ohne Schloß wirkt der Freudenstädter Marktplatz riesig - mit Schloß wäre es eng geworden


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Marktplatz
Der Freudenstädter Marktplatz gilt heute als größter Marktplatz Deutschlands (216 x 219 Meter), ist aber außerhalb der Luft nicht gescheit zu fotografieren, weil man an keiner Stelle über den gesamten Markt schauen kann. Sowas geht nur im Luftbild oder vom Rathausturm. Wenn man also einmal rumgeht, hat man seine tausend Schritte schon mal getan.

Da der Platz ab 1595 zentral gplant und gebaut wurde, sehen die Häuser alle ein bißchen gleich aus und wenn man schon etwas herumgelaufen ust, stellt man fest, daß es überall Durchgänge zu den zweiten, dritten und vierten Häuserreihen gibt. Ganz regelmäßig sind diese Durchgänge zwar nicht und so kann man sich hervorragend verlaufen, weil alles gleich aussieht. Die einzigen markanten Orientierungspunkte sind die Winkelkirche (Südwesten) und der Rathausturm (Nordosten). Wenn  man hier aber ein paar Stunden gelaufen ist, kann man sich an den Läden hinter den Arkaden orientieren, denn sie sind alle anders.

Arkaden rund um die innere Häuserzeile ermöglichen ein schattiges und trockenes Einkaufen.
Arkaden rund um die innere Häuserzeile ermöglichen ein schattiges und trockenes Einkaufen.


Schwäbische Maildesche mit Bratwurstbrät
Es fällt auch auf, daß es am Platz keinen Supermarkt gibt, auch kein großes Kaufhaus, denn die hat man etwas außerhalb des Marktes verbannt. Dafür sind in den Arkaden ausnahmslos Fachgeschäfte untergebracht, in denen man außer Musik eigentlich alles bekommt. Besonders angenehm fand ich einen Metzger, der - nach seinen Angaben - auch selber schlachtet, enn aich nicht in Freudenstadt. Der hatte das normale Fleisch, aber eben auch die hiesigen Spezialitäten wie „Ochsemaulsalad“,  „Peidschestegge“ (Landjäger) und „Mauldesche“ und die waren natürlich mit Bratwurstbrät gefüllt, wie sich das hier gehört.

Daß es hier auch Leberkässemmeln gibt, kann man voraussetzen, auch wenn die in Bayern noch besser sind.

Schwäbische Mauldesche mit Bratwurstbrät

Füe gestreßte Eltern gibt es an der Kirche einen großen Spielplatz mit vielen Bänken, wo man die Blagen auch mal alleine lassen kann, weil soviele andere Eltern da sind, daß kein Kind unbemerkt von der Schaukel oder dem Klettergerüst füllt. Als ich nach ein paar Tagen am Spätnachmittag über den Platz ging, kam prpmpt ein Krankenwagen an und man legte ein Grundschulkind auf die Bahre, das wohl gestürzt war. Noch während die Ärzte zugange waren, kam die Mama gerannt, nahm das Kind in den Arm und stieg dann in den Krankenwagen ein. Es funktioniert also.

Aber die Wege sind wirkllch weit.


Die nordwestliche Ecke des Freudenstädter Marktplatzes
Die nordwestliche Ecke des Freudenstädter Marktplatzes - fotografiert vn der Kurche aus. Der Spielplatz liegt rechts.

Jeden Mittwoch wird der Marktplatz noch ein hißchen voller, denn dann ist Markt. Auf dem Obermarkt (Nähe Rathaus) stehen die Klamotenfritzen und *innen, etwas weiter weg die Freßbuden und am Untermarkt ist kein Platz mehr, weil dort die Gastro-Betriebe, die Post und die Einfahrt zur Tiefgarage sind. Auf den ersten Blick hätte ich auch nicht bei den Markthändlern gekauft, weil die Qualität der Klamotten recht billig war und es eigentlich nur drei Sorten von Ständen gab: Taschen (sehr billig oder gefälschte Gucci, Prada etc.), Kleider, Jacken und Mützen (ein Mischgewebe, das man eigentlich als Sondermüll entsorgen müßte) und Haushaltswaren, Messer, Klingen (aber keine Soliner Qualität und kein WMF). WMF kommt von der Württembergischen Metallwarenfabrik und diese Firma ist seit dem 19. Jahrhundert regional (so weit weg ist Geislingen hier auch nicht)

Ich habe mir später Schuhe gekauft, aber in den Arkaden bei einem Schuhgeschäft.


Jeden Mittwoch ist Markt - dann ist der Markplatz auch mal halbwegs voll
Jeden Mittwoch ist Markt - dann ist der Markplatz auch mal halbwegs voll

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Kirche
Die Stadtkirche liegt  am südwestlichen Ende des Platzes, schräg gegenüber, am nordöstlichen Ende, vom Rathaus.
Dieser Kirche wurde für eine große Gemeinde geplant, konnte aber nicht auf dem zentralen Platz errichtet werden, weil der ja für das Schloß vorgesehen war (s.o.). Man plante daher ganz pragmatisch eine Winkelkirche mit zwei Türmen, die sich um die südwestliche Ecke des Marktplatz zog und Platz für etwa 1000 Menschen bot. Die alten Bezeichnungen Frauenkirche und Herrenkirche lassen auf eine damals beabsichtigte Geschlechtertrennung schließen. Die Ostung des Altars wurde aufgegeben, weil die Kirche dann nicht mehr möglich gewesen wäre.

1601 wurde der Grundstein gelegt, 1604 kaufte der Herzog eine fertiggestellte Orgel des Stuttgarter Orgelbauers Conrad Schott (1561–1631 und ließ sie in die Kirche einbauen. Kurz nach deren Fertigstellung dürfte die Kirche geweiht worden sein, doch man kennt nur das Datum der ersten Predigt des Stadtpfarrer Andreas Veringer am 1. Mai 1608. Beim Pestausbruch 1610 verlor die Stadt 1.700 Menschen, in den Wirren des
Dreißigjährige Krieges um 1635/1636 noch einmal etwa zwei Drittel der Bürger.


... wird fortgesetzt ...



Die Anlage der Winkelkirche ist gut zu erkennen.
Die Anlage der Winkelkirche ist gut zu erkennen. Foto. Susanne Coburger-Schlu, 2026


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Rathaus
Das Freudenstädter Rathaus wurde - anders als die meisten Häuser hier - 1954 neu erbaut und fällt durch den 43 m hohen Turm auf - ein Bauelement, das man sonst eher aus in Hamburg, Danzig oder München kennt. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Stadt stark getroffen und wie das erste Rathaus zu 95% zerstört.

Der Architekt Ludwig Schweizer wurde mit dem Wiederaufbau der Freudenstädter Innenstadt beauftragt und lieferte damit von 1947 bis 1956 sein Lebenswerk ab. S
chweizer versah die erste Häuserreihe wieder mit den ursprünglichen Arkaden, erbaute das Rathaus von Grund auf neu, verlegte den Ratssaal in den ersten Stock und plante den Aussichtsturm für die Öffentlichkeit. Nachdem der Wiederaufbau geplant und größtenteils realisiert worden war, nahm Schweizer eine Professur an der Stuttgarter Staatsbauschule an. 1967 wurde er emeritiert, zog wieder nach Freudenstadt und starb dort 1989. Der Ratssaal des Rathauses ist nach ihm benannt.

Solange das Rathaus geöffnet ist, kann man den Turm besichtigen und sieht aus der Höhe die wirkliche Größe des Marktplatzes.


Das Rathaus an der nordöstlichen Ecke des Marktes
Das Rathaus an der nordöstlichen Ecke des Marktes


Literatur zur Einstimmung
Der Markt für Krimis schreckt vor kaum einer Stadt oder Region zurück und so gibt es auch die Schwarzwaldkrimis, die irgendwie ähnliche Titel haben, zwischen Freudenstadt und Karlsruhe spielen und so gestrickt sind, daß man, wenn man den Ort halbwegs kennt, viele Bezüge findet, die man sich erklären kann. Es ist nicht die ganz große Erzählkunst und die meisten skandinavischen Krimis sind um Klassen besser, aber für einen verregneten Nachmittag gibt es nicht Besseres. Man muß nicht nach Amazonien fahren oder schreiben - die Buchhandlung Drewitz  am Freudenstädter Markt (Loßburger Straße 2,  Nähe Kirche) hat sie meistens - nicht alle auf einmal, aber genug zur Auswahl.

Hier  also zwei typische Titel:

Bernd Leix: Teuchel Mord (12. Fall um Kriminalhauptkommssar Oskar Lindt),
Gmeiner-Verlag, Meßkirch 2021, 259 Seiten, ISBN 978-3-8392-2259-7
Der Autor kommt von hier, wohnt in Freudenstadt und ist gelernter Förster. Deshalb sind die Orts-, Wald- nd Wildbeschreibungen erste Sahne. Der Spannungsaufbau dauert ein bißchen, aber das Finale ist überdurchnschnittlich gut.

Bernd Leix: Schwarzwaldhimmel (11. Fall um Kriminalhauptkommssar Oskar Lindt),
Gmeiner-Verlag, Meßkirch 2021, 259 Seiten, ISBN 978-3-8392-0082-1
Der Kriminalhauptkommssar macht Urlaub, stolpert über eine Leiche in der Murg (kleines Flüßchen bei Baiersbronn) und muß wieder arbeiten.


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